Hooksiel Nur wer ganz genau hinsieht, erkennt noch winzige Farbspuren an Julian Robin Müllers Händen. „Entschuldigung, ich bin ein bisschen zu spät, ich musste mir noch die Farbe abwaschen“, sagt der 17-Jährige. Seinen Malerkittel hat er für das Gespräch mit   gegen ein sauberes blaues Hemd und kurze helle Hosen getauscht – perfekt aufeinander abgestimmt. Zufall oder gewollte Ästhetik?

Finissage am 28. Juli

Die Finissage von Julian Müller (17), jüngster Stipendiat im Künstlerhaus Hooksiel, findet am Sonntag, 28. Juli, ab 11.15 Uhr im Künstlerhaus Hooksiel, Lange Straße 16, statt.

Er kommt gerade vom Kunstkarussell, hat darauf geachtet, dass die zehn Kinder im kleinen Garten am Künstlerhaus Hooksiel die Farbe aufs Papier und nicht nur auf ihre Kleidung bringen. „Da muss man seine Augen überall haben“, sagt er. „Aber die Kinder sind super erzogen und es macht viel Spaß.“

Auch Julian Müller ist mit intensiver Förderung aufgewachsen: „Ich musste immer beschäftigt werden, sonst wäre ich ein sehr anstrengendes Kind gewesen“, meint er und lacht. Das Malen sei seit jeher ein Teil von ihm – „seit ich eine Faust machen kann“. Malkurse hat er allerdings nie besucht: „Da bin ich Autodidakt, den ersten Malkursus den ich besucht habe, habe ich als Dozent geleitet.“

Musik und Malerei

Bis heute fühlt er sich unwohl, wenn er längere Zeit nicht malt. „Damit verarbeite ich meine Emotionen.“ Aber nicht nur mit der Malerei: Er spielt Klavier, Orgel und Ukulele, ist klassischer Sänger und komponiert. Zurzeit hat seine neueste Komposition, eine Sonate, aber Pause. „Da komme ich gerade nicht weiter, sie ist an einem Punkt, der mir noch nicht hoch genug ist. Ich will da einen Quantensprung, aber der kommt noch nicht“, sagt er. Stattdessen malt er: Öl, Acryl, Aquarell, Wasserfarben, Feinliner, Filzstift – „ich bin zu jung, um mich festzulegen“, meint er. „Nein, eigentlich ist das eine Ausrede: ich werde es nie anders machen“, sagt er und lacht.

Gut zehn Bilder sind während seines vierwöchigen Aufenthalts als jüngster Stipendiat im Künstlerhaus Hooksiel entstanden. Für die Inspiration war er auch mit dem Auto unterwegs, allerdings nur in Begleitung Erwachsener oder auf dem Beifahrersitz – denn mit 17 darf er noch nicht alleine fahren.

Eines seiner neuen Werke zeigt eine Szene am Außenhafen Hooksiel: Eine Frau steht am Strand und blickt auf die See. „Die Dame habe ich neulich gesehen, als ich dort war“, erzählt er. Sie habe ein Taschentuch in der Hand gehalten und traurig gewirkt. „Ein Moment, der mich ergriffen hat“, sagt Julian Müller.

Seine Heimat in der Nähe von Montabaur ist geprägt von Wald. „Die Nordsee ist da etwas ganz anderes. Der Himmel ist hier anders, ich war gestern das erste Mal am Strand. Für mich ist das hier eine tolle Mischung aus Entspannung und Pläne schmieden“, sagt er.

Auch die Friesländer nimmt er anders wahr als die Westerwälder: „Es ist nicht der Dialekt, die Menschen hier reden viel unverblümter, sind viel direkter. Sie duzen gleich und hauen Sprüche raus.“

Julian Müller lebt in der kleinen Wohnung im Künstlerhaus und beschäftigt sich dort auch mit profanen und weniger schöngeistigen Dingen: „Ich habe hier gelernt, mich selbst zu versorgen: Abspülen, Wäsche waschen, Einkaufen, Kochen – dafür geht meist mein gesamter Vormittag drauf“, sagt er. Die Nachmittage verbringt er mit Malen, Musizieren oder Komponieren. Im Haus des Gastes hat er ein Konzert mit Eigenkompositionen und Werken von Schumann gegeben, außerdem leitet er die Kunstkurse für Kinder.

Physik oder Medizin

Nach dem Abi 2020 will er in Heidelberg Physik und in Mannheim Musik studieren. Er träumt von einem Leben als Quantenphysiker und denkt über ein Praktikum bei Cern in der Schweiz nach. Dort steht der leistungsfähigste Teilchenbeschleuniger der Welt. „Mein Plan B wäre ein Medizinstudium, das gibt mein Notenschnitt locker her“, sagt er. Übrigens hat er nicht mal miese Noten im Sport: „Sport ist wichtig und macht Spaß, außerdem bin ich viel zu eitel, um keinen Sport zu machen.“

Wer nun aber denkt, Julian sei erfolgsverwöhnt, der irrt: „Oft gelingt mir etwas nicht und ich bin nie zufrieden“, sagt er. „Dann stürze ich kurzfristig in tiefe Verzweiflung und spiele die Wut und die Enttäuschung am Klavier weg.“ Malen und Musik verbindet er häufig: „Wenn ich Musik höre beim Malen, dann hilft mir das, in meine Welt einzutauchen.“ In seiner Playlist findet sich nicht nur Beethoven, sondern auch Queen. „Und ich hatte auch mal eine ganz exzessive ABBA-Phase, das kann ich aber jetzt kaum noch laut sagen“, sagt er.

Bei allem was er tut, stellt er sich die Sinnfrage: „Es würde mir alles keinen Spaß machen, wenn es dabei nur um mich ginge. Ich will Menschen damit erreichen und bereichern, ihnen etwas mitgeben. So geht es mir auch, wenn ich aus einer guten Ausstellung komme“, sagt er.

Wer Julian Müllers Werke noch sehen will, der hat dazu bei der Finissage am Sonntag, 28. Juli, Gelegenheit (siehe Infobox).

Rahel Wolf Agentur Hanz / Redaktion Jever
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