Friesland Mit gemischten Gefühlen haben die hiesigen Werferinnen und Werfer die Absage der 16. Europameisterschaft der Friesensportler sowie die terminliche Verschiebung um ein Jahr aufgenommen. Unter der Regie des Verbands Schleswig-Holsteinischer Boßler (VSHB) sollte die EM ursprünglich vom 21. bis 24. Mai dieses Jahres in Kaltenhörn (Kreis Nordfriesland) sowie Meldorf und Süderhastedt (beide Kreis Dithmarschen) ausgetragen werden.

Doch aufgrund der Corona-Pandemie haben die Verantwortlichen der International Bowlplaying Association (IBA) einstimmig beschlossen, das große internationale Kräftemessen der Schleswig-Holsteiner, Ostfriesen, Oldenburger, Niederländer, Iren und Italiener erst im nächsten Jahr vom 13. bis 16. Mai an gleicher Stelle auszutragen. Bedauern und Enttäuschung über die Verschiebung des großen Friesensport-Höhepunkts, der seit 1969 nur alle vier Jahre auf dem Programm steht, wichen schnell der Einsicht und Erleichterung, dass ob der aktuellen Ausnahmesituation die richtige Entscheidung getroffen worden ist.

„Die Gesundheit steht an erster Stelle. Wir haben die Entscheidung gemeinsam getroffen. Und gemeinsam werden wir vom Vorstand auch die Rahmenbedingungen für die EM-Qualifikation in der nächsten Saison festlegen“, erläutert Jan-Dirk Vogts, Vorsitzender des Friesischen Klootschießer-Verbands (FKV).

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Mögliche Anpassungen der Jugend-Altersgrenzen

Dabei werde die jetzige Qualifikation mit zu betrachten sein. Zudem gebe es in Anbetracht der besonderen Situation Überlegungen, mit den Altersgrenzen bei den Jugendlichen im kommenden Jahr anders als vorgesehen umzugehen. Die Jugendlichen, die dann die Altersgrenze der Erwachsenen erreicht haben, könnten trotzdem noch zugelassen werden. In Sachen Anhebung der Altersklasse um ein Jahr für die zugelassenen Jugendlichen müsste das Gremium der IBA eine Ausnahmeregelung aussprechen.

Unterdessen haben die Ausrichter des Verbands Schleswig-Holsteinischer Boßler um den VSHB-Vorsitzenden Ernst Hinrich Reimers und Vorstandskollege Reimer Diercks in den vergangenen Wochen und Tagen ein Wechselbad der Gefühle durchlebt. „Wir haben uns unheimlich gefreut, dass es bald losgeht, und standen in den Startlöchern. Aber natürlich müssen wir die aktuelle Lage berücksichtigen und reagieren“, betont Reimers.

Diercks, zugleich IBA-Vizepräsident, hatte zuletzt im ständigen Austausch mit dem IBA-Präsidenten Alois Timmerhuis aus den Niederlanden gestanden. Timmerhuis hatte auch zu den Iren Kontakt, die schon früh einen Start ausschlossen. Auch die Italiener wären bei der augenblicklichen Lage nicht angereist. Somit gab es zur EM-Absage keine Alternative.

Fünf Verbände

Der International Bowlplaying Association (IBA) gehören fünf Friesensport-Verbände an: der holländische Verband Niederlandse Klootschieterbond (NKB), der irische Verband Bol Chumann na h’Eireann (BC), aus Deutschland der Verband Schleswig-Holsteinischer Boßler (VSHB) und der Friesische Klootschießerverband (FKV) sowie der italienische Verband Associzone Nazionale Bocetta Italiana Sport (ABIS).

Die Europameisterschaft der Friesensportler wird seit 1969 ausgetragen – in der Regel alle vier Jahre. Die Boßler aus Mittel-Italien waren erstmals bei der EM im Jahre 2000 in Meldorf mit am Start. Bei der EM 2012 in der Adria-Hafenstadt Pesaro waren die Italiener Gastgeber der Titelkämpfe. Die Athleten aus den fünf Verbänden messen sich in den drei Disziplinen Standkampf (Kloot), Feldkampf (Hollandkugel) und Straßenboßeln (Eisenkugel).

Die nun auf Mitte Mai 2021 verlegte Friesensport-EM in Schleswig-Holstein ist die 16. Auflage des internationalen Vergleichs. Austragungsorte vom 13. bis 16. Mai sind Kaltenhörn (Kreis Nordfriesland) sowie Meldorf und Süderhastedt (beide Kreis Dithmarschen).

Große finanzielle Verluste sind sowohl bei den EM-Gastgebern als auch beim FKV nicht zu erwarten. Bei den Titelkämpfen im kommenden Jahr dürften Kosten von 26 000 bis 28 000 Euro anfallen. Der FKV hat durch seinen Geschäftsführer Peter Brauer die aktuellen Buchungen der beiden Hotels und der Busse storniert, und gleich für Mai 2021 umgebucht.

Im Jahr 2024 würde dann die EM im FKV-Gebiet anstehen – in Neuharlingersiel. „Der gastgebende Kreisverband Esens hat dafür schon viel Vorarbeit geleistet. So ist die Jugendherberge mit fast 400 Betten schon komplett gebucht“, sagt Brauer.

Einhelliger Tenor

Und wie reagieren die Aktiven aus dem Landesverband Oldenburg, die bei der EM in diesem Jahr dabei gewesen wären, auf die Verschiebung um ein Jahr? Der einhellige Tenor lautet: Die Entscheidung der IBA ist aufgrund der großen Corona-Krise für alle nachvollziehbar, aus sportlicher Sicht aber enttäuschend.

„Schade, ich war voll im Training, mitten in der Qualifikation – und zwei Werfen vor dem Ende dann das“, sagt die 31-jährige fünffache FKV-Meisterin Wiebke Schröder vom KBV Haarenstroth, die mit der Hollandkugel als Führende in der Erfolgsspur war.

Mit der Klootkugel hatte sich Lena Stulke vom KBV Schweinebrück bei der EM 2012 in Pesaro/Italien den Jugend-Europameistertitel gesichert. Vier Jahre später wurde sie im Frauenfeld Vize-Europameisterin. Nun lag die Wehde-Werferin in der EM-Qualifikation vorn. „Die Absage ist sehr schade. Ich habe mich die ganze Zeit darauf vorbereitet und in der aktuellen Saison schon gut abgeliefert“, sagt die 22-Jährige und schaut dennoch positiv nach vorn: „Jetzt habe ich halt noch länger Zeit, mich vorzubereiten.“

Bestens dabei war in der EM-Quali der männlichen Jugend Thore Bruns vom KBV Waddens. Er wird im April 18 Jahre alt und wechselt im Sommer (1. Juli 2020) in die Männerklasse. „Nach dem jetzigen Stand kann er im nächsten Jahr nicht mehr in der Jugend bei der EM starten. Das ist eine ganz bittere Geschichte“, sagt Thores Vater Stefan Bruns, zugleich Feldobmann des Klootschießer-Landesverbands Oldenburg (KLVO).

Rückblick: Nach dem Gewinn des DM-Titels 2018 in Aurich hatte Thore Bruns hochmotiviert die Europameisterschaft in Angriff genommen. „Und nach knapp zwei Jahren Vorbereitung nun sowas. Die Enttäuschung ist riesengroß“, sagt der 17-Jährige: „Wie es nun weitergeht, weiß man nicht. Ich bleibe erstmal weiter im Training.“

Vater Stefan Bruns ergänzt: „Irgendwann geht es ja weiter. Aber ob noch einmal die Chance besteht, bei einer EM dabei zu sein, weiß man ja nicht.“ Thores Form sei zumindest ansteigend, die jüngsten Trainingseinheiten seien sehr gut gewesen: „Thore hätte bei der EM sicher gute Chancen auf Einzelmedaillen gehabt. Da kann sich jeder ausmalen, was jetzt in ihm vorgeht.“ Bei den Männern werde die Qualifikation ungleich schwieriger.

„Wir lassen das jetzt erstmal sacken und warten ab, wie es nun weitergeht“, sagt Stefan Bruns und betont: „Die Entscheidung, die EM zu verschieben, musste allerdings gefällt werden. Daran gibt es natürlich keinen Zweifel. Sportlich gegen einen besseren Werfer zu verlieren, ist aber auf jeden Fall einfacher, als sich einem Virus geschlagen geben zu müssen.“

Auch Janna Meiners, die sportlich nicht nur mit dem Kloot zu glänzen weiß, sondern sich im Vorjahr zum dritten Mal in Folge den DM-Titel im Schleuderballweitwurf sichern konnte, war bei der EM-Vorbereitung im Soll. „Ich war sehr gut dabei, habe mindestens zweimal in der Woche trainiert – darunter waren auch Einheiten in der Halle“, sagt die 15-Jährige. Die Verschiebung der Europameisterschaft habe auch etwas Positives, sagt das Nachwuchstalent des Mentzhauser TV: „Dann bin ich ein Jahr älter – und steigen meine die Chancen gegen die anderen.“

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