Neuenburg Wie reden die Leute wohl über mich, wenn ich tot bin? Diese Frage hat schon ganze Heerscharen von Autoren zu literarischen Ergüssen inspiriert. Zum Beispiel Mark Twain in seinem Buch über Huckleberry Finn, in dem der ertrunken geglaubte Protagonist seiner eigenen Trauerrede lauscht. Das macht auch Harm Wohltmann in dem Stück „Koornblomen för den Smuuskater“. Mit der Komödie von Krüschan Holsten hat das Niederdeutsche Theater Neuenburg am Freitagabend im Vereenshuus eine umjubelte Premiere gefeiert hat.

Nach einer durchzechten Nacht völlig besoffen zusammengebrochen, wurde Harm vom ebenfalls trinkfreudigen Dr. Dodenhoff für tot erklärt. „Es gibt nix schöneres als tot zu sein“, meint der Seemann, der mit seiner Charade hofft, endlich seine amorösen Abenteuer ordnen zu können. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Regisseur Alfons Wojakilowski ist es gelungen, das ernste Thema Tod in einer so humoristischen Weise aufzuarbeiten, dass die Zuschauer die unabänderliche Tragik des menschlichen Ablebens vergessen. Höhepunkt neben den darstellerischen Glanzpunkten des elfköpfigen Ensembles dieser Aufführung ist vor allem der unbändige Wortwitz, der manchmal – so schön eindeutig zweideutig – erst im Nachhinein zündet und dem Stück dadurch eine ganz besondere Würze verleiht.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Wie viele Bezeichnungen gibt es eigentlich für den Tod, für ein Schlitzohr und Hallodri, für den Schlendrian, den Suffkopp oder den Quacksalber, dessen Sicht vom Schnaps getrübt ist? In dem Dreiakter werden sie, begleitet von einem Pointen-Feuerwerk, alle genannt und bringen beim Zuschauer lange nicht mehr gehörte plattdeutsche Kraftausdrücke zurück ins Gedächtnis. Köstlich.

Unterstützt wird diese brachiale sprachliche Komik vom kraftvollen Spiel der Darsteller, die mit vollen Körpereinsatz dabei sind. So zum Beispiel Wolfgang Fischer als Sarg-Tischler Krüschan Hölkens, der so herrlich jähzornig sein kann und aus Versehen auch schon mal den Zollstock zerbricht. Oder Wilhelm Wilken als Bauer Jakob Puvagel, der so energiegeladen mit der Forke im Anschlag über die Bühne poltert, dass es kracht.

Nils Elberling spielt den „toten“ Harm Wohltmann so quicklebendig, dass man kaum merkt, dass er zumeist still als Leiche im Bett liegt. Besonders brilliant: Mit seiner außergewöhnlichen Mimik brüllt er seine Stimmungen regelrecht ins Publikum – obwohl er gar keinen Laut von sich gibt. Sein kongenialer Partner auf der Bühne ist dabei Jochen Meiners, der Harm als Otto Oeltjen nach einem Wettsaufen erst in die Bredouille gebracht hatte.

Sonderapplaus bekam nach der Premiere Christian Kroll als Pastor Johannes Köppelmeier, der sich schließlich – so viel darf verraten werden – umgarnt von der versammelten Weiblichkeit als der wahre Frauenheld entpuppt. Mal verschwörerisch, mal beschwichtigend, dann wieder frech und forsch überzeugt er in seiner Rolle.

Als heimliche Hauptfigur ist er der Dirigent fein abgestimmter Dialoge, vor allem unter den vielen Geliebten von Harm Wohltmann. Kurz und prägnant auf den Punkt gebracht schnattern Meiken, Tine, Gesche, Meta und Wiebke durcheinander, miteinander und gegeneinander ohne dass es unübersichtlich wird. Dabei überzeugen die jungen Darstellerinnen Anni-Marleen Gerhardt, Insa Gippert, Sandra Decker, Lara Bohlen und Kira Aden.

Harm, von seinen Eskapaden genesen, gefällt es am Ende unter den Lebenden doch besser, als auf dem Totenbett. Sich seine eigene Trauerrede anzuhören, ist nicht so schön, wie gedacht. Das merkte schon Huckleberry Finn bei Mark Twain.

Olaf Ulbrich Redaktionsleitung Varel / Redaktion Friesland
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.