Neuenburg Wo heute Spaziergänger und Jogger die Natur genießen, liefen vor Jahrhunderten Kühe und Pferde umher – der Neuenburger Urwald war einst ein Hütewald, in dem Bauern ihre Tiere weideten. 1780 zum Beispiel sollen Landwirte dort 234 Pferde, 961 Stück Hornvieh, 6000 Schweine und 1292 Gänse eingetrieben haben. Das sagt Professor Dr. Uwe Meiners. Der Leiter des Museumsdorfes Cloppenburg hat sich mit dem kulturellen Erbe in der Region beschäftigt und sieht in Neuenburg besondere Beispiele. Die NWZ nimmt das zum Anlass, genauer hinzuschauen.

Man muss sich das mal vorstellen: Der Wald war von Alters her ein Bauernwald und gehörte der Allgemeinheit. Und die Bauern trieben „Vieh aller Art von den umliegenden Dörfern mehr oder weniger planlos“ in den Wald. Von Alters her: Vermutlich sind der Hütewald und die Weiderechte dort sogar älter als Neuenburg selbst. Das schreibt Karl-Ernst Behre in seinem Buch „Der Neuenburger Urwald“.

Schweinemast mit Eicheln

Der Urwald hatte ein ganz anderes Gesicht, als er Hütewald war: Das Weidevieh sorgte dafür, dass der Wald nicht verbuschte. „Durch den Verbiss der jungen Triebe öffnete sich der ursprünglich dunkle Wald und es fiel Licht auf den Boden, so dass hier Gräser und andere Kräuter aufkamen, die dem Vieh als Nahrung dienten“, berichtet Karl-Ernst Behre in seinem Buch.

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Für die Mast der Schweine waren vor allem die Eicheln und Bucheckern im Hütewald von großem Nutzen. Eichen wurden deshalb auch gezielt nachgepflanzt. „Dabei war es wichtig, dass die Eichen möglichst frei standen, so dass sie bis unten beastet waren und eine breite Krone entwickeln konnten“, berichtet Karl-Ernst Behre.

Er hat auch recherchiert, dass der Neuenburger Urwald durchaus unter dem weidenden Vieh zu leiden hatte. „Unkontrollierte und übermäßige Beweidung führte hier wie in anderen Wäldern sehr bald zu schweren Waldschäden. Dieses war besonders der Fall, wenn das Vieh teilweise auch im Winter im Wald blieb, wo es aus Mangel an Kräutern alle erreichbaren Knospen und Triebe abfraß.“

Erst, als die Grafenherrschaft den Wald wegen der Holz- und Jagdnutzung an sich gezogen hatte, wurden die Weiderechte reglementiert. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden Reglementierungen der Weiderechte schriftlich erwähnt.

Kein Zutritt für Ziegen

1462 hieß es, „dass die vier am Südrand des Waldes gelegenen Klostermeier von Alters her das Recht hätten, die im Neuenburger Holz vorhandene Buchenmast für sich zu gebrauchen, während die Eichelmast dem Landesherrn gehörte“, schreibt Karl-Ernst Behre. „In den Folgejahren mehren sich die Quellen über die Regulierung des Vieheintriebs. So gab es etwa 1650 im Neuenburger Wald Buchenmast für 38 Schweine und Eichelmast für 424 Schweine. Auch aus diesen Zahlen geht die Dominanz der Eiche in den Waldbeständen hervor.“

Erst 1918 wurde die Weidewirtschaft im Wald gänzlich eingestellt. Noch 1894 steht im Neuenburger Forstbetriebsplan, dass die drei Dorfschaften Bockhorn, Grabstede und Astede noch immer das Recht zur Viehweide hatten, und zwar für Rindvieh, Pferde, Schweine und Gänse. Allerdings war es damals schon seit vielen Jahren verboten, Ziegen in den Wald zu treiben, weil sie zu viele Schäden an den Bäumen anrichteten.

Vieh verschmäht Ilex

Heute ist das alles längst Geschichte – Nutzvieh hat im Urwald nichts zu suchen, auch Reiten ist dort nicht erlaubt. „Aber die ehemalige Nutzung verlieh dem Wald mit seinen Eichen- und Buchenbeständen, den Buschwindröschen im Frühjahr und den natürlichen Triftwegen eine für Norddeutschland außergewöhnliche Einmaligkeit“, sagt Professor Meiners. Bereits 1938 wurde der Wald unter Schutz gestellt.

Und es gibt noch ein Erbe aus der Zeit des Weidewaldes in Neuenburg: Die vielen stattlichen Ilex-Bäume und -Büsche sind heute im Neuenburger Urwald so häufig wie selten in einem Wald. Der Ilex konnte sich seit Jahrhunderten im Neuenburger Wald ausbreiten, weil das Vieh Stechpalmen nicht anrührt.

Sandra Binkenstein Varel / Redaktion Friesland
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