VAREL /OLDENBURG Von Hans Begerow

VAREL/OLDENBURG - „De lüttje Wippsteert“ und „Lögen hefft korte Been“ zählen zu Klassikern der des niederdeutschen Theaters – ihr Autor ist der aus Elsfleth stammende Rechtsanwalt Erich Schiff (1882 bis 1970). Schiff hatte sich nach Abitur und Studium 1905 in Oldenburg niedergelassen, wo er sich als Strafverteidiger einen Namen machte – und seiner Leidenschaft für das Theater frönte.

Als Theater-Syndikus und Mitglied des städtischen Bühnenausschusses engagierte sich Schiff, er schrieb Revuen, niederdeutsche Bühnenstücke und bearbeitete vorhandene Stücke für die niederdeutsche Bühne um. Außerdem war er Syndikus des Oldenburger Automobilclubs und Mitglied in der Casino-Gesellschaft, er gehörte ferner dem Vorstand der Oldenburger Rechtsanwalts- und Notarkammer an. Bereits 1932, nach der von den Nazis gewonnenen Landtagswahl, wurde Schiff als Theatersyndikus abgesetzt.

1933 wurde Schiffs Tätigkeit für das Theater durch die Nazis erschwert, denn er galt als „Halbjude“, obwohl seine Familie zum Protestantismus übergetreten war. Seine Großeltern väterlicherseits waren Juden gewesen, sein Vater war der Bankier und Landtagsabgeordnete Gustav Adolf Schiff (1835 bis 1914). Obwohl Erich Schiff seinen Beruf zunächst weiterhin ausüben konnte, erfuhren er und seine Frau Zurücksetzungen, schreibt der Historiker Enno Meyer. Und der Jurist Dr. Ulf Brückner fand heraus: „Am 1. April 1933 fand der erste Boykott jüdischer Mitbürger statt. Vor dem Haus von Erich Schiff wurde eine SA-Wache aufgestellt mit dem Plakat: Nehmt keinen jüdischen Rechtsanwalt.“ Kurz darauf stellten die „Nachrichten für Stadt und Land“ die Mitarbeit von Erich Schiff als Theaterkritiker ein. 1936 wurde Schiff aus der Schülerverbindung, der er angehörte, und der Casino-Gesellschaft ausgeschlossen.

Schiff zog in Oldenburg in die Elisabtehstraße 4, übrigens als Nachbar von Landgerichtsrat Dr. Ernst Beyersdorff, der als so genannter Halbjude von seinem Dienst suspendiert war, nach dem Kriege erster Landgerichtspräsident war (1945 bis 1950). Besucher der Familie Schiff wurden drangsaliert, die Oldenburgische Staatszeitung verweigerte Schiff Anzeigenaufträge, 1939 wurde sein Haus von der Gestapo durchsucht und 1942 erfolgte das Verbot, Lehrlinge auszubilden. 1944 wurde Schiff in einem Lager bei Holzminden interniert, Ende des Jahres aber aus gesundheitlichen Gründen wieder entlassen.

Schiff überlebte den Krieg und die Drangsalierungen der Nazis. Er fand auch wieder den Weg zum Theater. Und es darf angenommen werden, dass einige von denen, die seinen Drangsalierungen zugesehen oder sie schweigend in Kauf genommen hatten, sich über die Komik in Schiffs Stücken amüsiert hatten.

Die Oldenburger August-Hinrichs-Bühne führte zahlreiche seiner Stücke zwischen 1947 und 1971 auf, darunter auch „Lüttje Wippsteert“. Eine andere Bearbeitung dieses Stückes hat die Niederdeutsche Bühne Varel vor zehn Jahren, in der Saison 1995/96, im Programm gehabt. Schiff wurde 1960 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Er starb vor 35 Jahren in Oldenburg.

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