VAREL Zuerst waren sie eine geduldete Minderheit. Dann waren sie geduldet, aber nicht integriert: Juden in Varel.

Von Hans Begerow VAREL - Über 250 Jahre prägten sie das Wirtschaftsleben in Varel, engagierten sich wohltätig, bauten ihr Gotteshaus, schließlich galten sie als „anders“ und wurden wegen ihres Glaubens verfolgt: Über die Geschichte der Vareler Juden hat der Pastor i.R. Rudolf Brahms (Dangast) ein lange überfälliges Buch geschrieben, das gerade noch rechtzeitig im Jahr des Stadtjubiläums herausgekommen ist. „Geschichte einer ungeliebten Minderheit“ heißt das Buch, das im Isensee-Verlag herausgekommen ist.

Brahms schildert darin die Geschichte der Juden in Varel, soweit Dokumente vorliegen. Seit dem 17. Jahrhundert sind Juden in Varel ansässig gewesen, die sich zunächst in der Christiansburg ansiedelten. Nach deren Aufgabe erhielten jüdische Familien Bleiberecht in Varel. Bald erwarben die Vareler Juden eine Begräbnisstätte, wie überall in jener Zeit außerhalb der Siedlungen (z.B. in Neustadtgödens oder Cleverns bei Jever oder in Ovelgönne). In Varel erwarben sie einen Hügel bei Hohenberge und nutzten ihn als Friedhof. Das Verhältnis zur Obrigkeit war – um es freundlich zu formulieren – schwierig. Für ihr Bleiben mussten die jüdischen Familien bezahlen. Bürger jüdischen Glaubens galten als Bittsteller ohne Rechtsanspruch. Für jeden Toten, der in Hohenberge bestattet wurde, mussten sie eine Reichstaler an das evangelische Konsistorium (!) zahlen. Und schon das Aufstellen eines Grabsteins auf dem jüdischen Friedhof wurde zum Politikum. Als Baruch Goldschmidt 1759 seinem Vater einen

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Grabstein setzte, wurde er aufgefordert, den Stein wieder zu entfernen. Als auch die Mutter des Goldschmidt 1763 starb, erlaubte Reichsgraf Wilhelm von Bentinck einen „Leichenpfahl“ mit den Namen und Sterbedaten der Eltern, der aber nur einen halben Fuß aus der Erde durfte. Wie heißt noch gleich die Redensart: Umsonst ist der Tod. Nur Baruch Goldschmidt musste für die Erlaubnis fünf Reichstaler bezahlen.

Brahms beschreibt die Vareler Judenschaft für jene Epoche als eine geduldete, aber nicht integrierte Minderheit, die von der Herrschaft als lästige Ansammlung von Hausierern und Gewerbetreibenden wahrgenommen und von der Bürgerschaft abgelehnt wurde.

Schwierig gestaltete sich auch der Weg zur eigenen Synagoge, die 1848 in der Osterstraße eingeweiht wurde. Mit der rechtlichen Emanzipation der Juden im Kaiserreich begann zugleich die schleichende Entwicklung zu rassistischen Ideen und der Verfolgung der Juden ab den 1920er-Jahren. Auch in Varel gab es zahlreiche Beispiele der entwürdigenden Behandlung von jüdischen Bürgern, angefangen von der Drangsalierung von Geschäftsleuten bis zu physischer Gewalt. Schließlich kehrte eine Reihe jüdischer Familien ab 1933 Deutschland den Rücken. Die jüdische Gemeinde wurde immer kleiner, bis schließlich die letzten Vareler Juden 1942 aus einem Altenheim in der Schüttingstraße, das dem Kaufmann Ernst Weinberg gehörte, deportiert wurden (einige hatten noch nach dem Brand der Synagoge 1938 die Auswanderung geschafft).

Damit nicht genug: Der jüdische Friedhof in Hohenberge war einem bekannten SA-Mann ein Dorn im Auge (übrigens auch einer Urheber des Synagogenbrandes vom 10. November 1938). Er hatte mehrfach Anläufe unternommen, den Friedhof zu erwerben und den Sand aus dem Hügel zu verwerten. Schließlich wurde diesem Vorhaben sogar zugestimmt (1944), zu einer Umsetzung dieser schrecklichen Idee kam es nicht.

Rudolf Brahms hat eine umfangreiche und gründliche Arbeit vorgelegt, die wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird. Wegen der Vielzahl der verarbeiteten Dokumente und der vielen Details, auf die Brahms gestoßen ist, darf man von einem epochalen Werk und einem Glücksfall für die Stadtgeschichte sprechen. Es hat für die nachkommende Forschung Bestand und dient ihr als Grundlage. Dem Autor gebührt darüberhinaus großer Dank, denn ohne Brahms' Forschungen wären viele Quellen nicht erschlossen und Zeitzeugen nicht gehört worden. Brahms hat durch die zahlreichen biographischen Details den Juden Varels ein Gesicht gegeben. Und noch eines zeichnet Brahms' Werk aus: Es macht nachdenklich und beschämt, ohne aufdringlich zu sein.

Rudolf Brahms: Geschichte einer ungeliebten Minderheit. Die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Varel von ihren Anfängen im 17. Jahrhundert bis zu ihrem Untergang in nationalsozialistischer Zeit. Isensee-Verlag Oldenburg, 2006 (ISBN 3-89995-382-4). ca. 450 Seiten, 39,50 Euro.

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