VAREL Kaum mehr als ein Dutzend jüdische Bürger lebten Anfang November 1938 in Varel. Etlichen aus der einstmals bedeutenden Synagogengemeinde war die Ausreise aus Deutschland gelungen, andere waren in Großstädte gezogen, wo sie in der Anonymität hofften, den Nachstellungen der Nazis nicht so ausgeliefert zu sein. Für Ludwig Weiss, den Inhaber des früheren Kaufhauses Weiss, hatte sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Er war nach Bremen gezogen, wo er während der Pogromnacht 1938 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen geschafft wurde. Weiss überstand die Torturen, denen er dort bei Laufmärschen ausgesetzt war, nicht. Er starb am Abend des 11. November 1938 im KZ Sachsenhausen.

17 jüdische Bürger lebten in Varel, als mehrere Nazis am Abend des 9. November 1938 die Synagoge ansteckten (vier Männer wurden nach dem Krieg deshalb verurteilt). In der Synagoge selbst lebte die Witwe des langjährigen Lehrers David Bernheim, Rosalie Bernheim, geb. Katzenstein (geboren am 16. Juni 1872 in Mönchengladbach). Sie lebte in der Wohnung, die sich in dem der Osterstraße zugewandten Teil der Synagoge befand. Rosalie Bernheim flüchtete zu den Ordensschwestern des nahen Krankenhauses, die sich ihrer annahmen. Am Morgen des 10. November wurde sie in „Schutzhaft“ genommen und ins Polizeigefängnis am Amtsgericht gebracht. Dort wurde sie am Nachmittag entlassen. Sie fand wieder Aufnahme bei den Ordensschwestern, da ihre Wohnung durch die Brandschatzung vernichtet worden war.1939 wurde Rosalie Bernheim nach Berlin „umgesiedelt“, 1940 gar in eine Anstalt für geisteskranke Juden gebracht. 1942 wurde sie von dort deportiert nach Maly Trostenez bei Minsk und dort am 29. September 1942

umgebracht, hat der Pastor im Ruhestand Rudolf Brahms (Dangast) herausgefunden und ihr Schicksal in seiner lesenswerten Chronik über die Vareler Juden veröffentlicht. Brahms selbst war Augenzeuge der Pogromnacht. Ihr 1934 verstorbener Ehemann David war lange Lehrer in der jüdischen Gemeinde, Vorbeter und Schächter. Er wurde auf dem Friedhof in Hohenberge begraben, doch erinnert nichts an sein Grab, denn 1944 wurde der Friedhof militärisch genutzt, wobei es zu zahlreichen Beschädigungen kam.

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Eine andere Vareler Familie wurde ebenfalls Opfer des Völkermords. Ernst Sally Weinberg und seine Schwester Henriette hatten kein Vermögen, um die Ausreise zu erlangen. Sie lebten in der Schüttingstraße, wo sie später für alte Juden aus Ostfriesland eine Art Altenheim einrichteten. Alle 23 Bewohner und die Weinbergs wurden 1942 deportiert und umgebracht. Schon während der Pogromnacht war Ernst Weinberg nach Sachsenhausen ins KZ verschleppt worden. Nach der Deportation der letzten Vareler Juden 1942 konfiszierten die Nazis das Gebäude in der Schüttingstraße. „Ernst Sally Israel Weinberg, jetzt unbestimmten Aufenthalts“ hatte ein Rechtspfleger ins Grundbuch über den rechtmäßigen Eigentümer eingetragen, der ja ermordet worden war. „Der Zynismus blühte“, kommentierte Rudolf Brahms das schreckliche Zeugnis im Grundbuch. Ernst Weinbergs Schwester Johanna, die einen christlichen Mann geheiratet hatte, überlebte den Völkermord. Nach dem Krieg dauerte es noch neun Jahre, bis sie das ihr

zustehende Grundeigentum zurückübertragen bekam. Johanna Titz kehrte nach Varel zurück. Sie lebte hier bis zu ihrem Tod 1990. Begraben liegt sie mit ihrem Mann Hermann Titz auf dem christlichen Vareler Friedhof an der Oldenburger Straße.

Der Autor danktRudolf Brahms, Dangast, Holger Frerichs, Varel, Udo Klün, Langendamm, der Friedhofsverwaltung und dem Amtsgericht Varel für die Unterstützung bei der Recherche.

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Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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