Varel Es begann mit einem Daddelautomaten in einem Café und endete in einer Katastrophe. Im Alter von 16 Jahren hat Peter G. zum ersten Mal an einem Spielautomaten gespielt, zehn Jahre später hatte ihn das Glücksspiel ins Unglück getrieben: Er hatte alles verzockt, in seiner Wohnung gab es nur noch eine Matratze, und Licht kam von einer Kerze, weil der Strom abgestellt war. Peter G. ist einer von 438 000 Glücksspielsüchtigen in Deutschland. Der Friesländer erzählt der NWZ , wie ihn das Spielen krank gemacht hat.

„Privat war ich niemand und auch im Beruf nichts“, erinnert er sich an seine Zeit als Heranwachsender. Nur in der Spielhalle war er wer. „Wenn der Automat klingelt, ist man König“, sagt er. „Diese kurze Sequenz, wo sich entscheidet, ob man gewinnt oder nicht, da geht der Adrenalinspiegel hoch.“ Das Gefühl war so gut, dass er es immer und immer wieder erleben wollte. Hatte er gewonnen, machte er weiter, weil er an eine Glückssträhne glaubte. Hatte er verloren, machte er auch weiter, um den Verlust wieder reinzuholen.

Eltern bestohlen

Wenn die Spielhalle aufmachte, stand er schon vor der Tür. „Manchmal habe ich 24 Stunden durchgespielt“, erzählt er. Schon bald spielte er so exzessiv, dass die 4000 Mark, die er als Arbeiter im Akkord verdiente, nicht mehr ausreichten. Er beklaute und belog Familie, Freunde und Kollegen, ging nicht mehr zur Arbeit, zahlte die Miete nicht mehr. „Das Schlimmste war, die Eltern zu bestehlen und zu belügen“, erinnert er sich, irgendwann hatte er keinen Respekt mehr vor irgendwas. „Ich weiß gar nicht mehr, wie oft meine Oma gestorben ist“, erzählt er, Geld für die Beerdigung der Oma zu brauchen, war eine seiner Lügen, um bei Freunden an Geld zu kommen.

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Suchtberatung informiert

Auf die Gefahren des Glücksspiels macht die Landesstelle Glücksspielsucht an diesem Mittwoch mit dem Aktionstag Glücksspielsucht aufmerksam. „Wir werden an vielen Orten in Friesland Postkarten mit dem Aufdruck ,Finger weg’ auslegen, auf der eine kleine Episode zur Glücksspielsucht zu lesen ist“, berichtet Christine Meinen von der Fachstelle für Sucht- und Suchtprävention Friesland.

Beratungsstellen sind in Varel, Bahnhofstraße, Tel. 04451/96420 Jever, Kostverloren 2, Tel. 04461/913650.

„Die Zahlen der Glücksspielabhängigen sind besorgniserregend“, so Meinen. Nach aktuellen Schätzungen geht man bundesweit von 438 000 behandlungsbedürftigen Glücksspielern aus, in Niedersachsen sind es 76 000 Menschen. Spielsucht ist vor allem ein Probleme junger Männer. Neun von zehn Süchtigen sind männlich.

Zehn Jahre später, im Jahr 2002, waren bis auf die Zocker in der Spielhalle alle anderen Freunde weg, er hatte alles zu Geld gemacht, was er besaß, nur die Matratze war ihm geblieben. Als dann die Räumungsklage kam, war Peter G. am Ende. „Da war mir klar, es gibt nur noch zwei Möglichkeiten – entweder du bringst dich um oder machst was.“ Er ging zur Suchtberatung Friesland und kam zu Christine Meinen, die in Varel und Jever Spielsüchtige betreut. Sie vermittelte ihn in eine 14 Wochen dauernde Therapie. „Endlich bin ich mal aus der ganzen elendigen Suppe rausgekommen“, sagt Peter G.

„Es war grauenvoll“

Anschließend begann er wieder zu arbeiten, nahm sich eine neue Wohnung und begann ein Leben ohne Sucht – bis er an einem Daddelautomaten in einem Internetcafé nur ein Spiel spielen wollte und rückfällig wurde. „Alles ging wieder los. Alles, was ich wieder aufgebaut hatte, war weg, es war grauenvoll.“ Diesmal ging er schneller zu Claudia Meinen, die ihn 2009 in eine zweite stationäre Therapie vermittelte. Anschließend setzte Peter G. alles daran, eine geregelte Arbeit und eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu finden und seine Finanzen mit Hilfe der Schuldnerberatung zu regeln.

„Ich habe ein ganz neues Leben angefangen“, sagt Peter G., „habe die 12000 Euro Schulden abgearbeitet, eine neue Wohnung und eine Arbeit gefunden, die mir Spaß macht“. Er arbeitet jetzt im pädagogischen Bereich, hat seinem Arbeitgeber von seiner Sucht erzählt. Auch hat er sich bei allen entschuldigt, die er bestohlen und belogen hat.

Seit 2009 ist der heute 42-Jährige spielfrei. „Ich habe mit dem Thema abgeschlossen“, sagt er, ist aber bereit, über seine Erfahrungen mit Spielsüchtigen und anderen Interessierten zu sprechen. Den Kontakt vermittelt Christine Meinen (siehe Info-Kasten).

Traute Börjes-Meinardus Varel / Redaktion Friesland
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