VAREL In seiner Klasse war er der einzige, der nicht im Jungvolk war. Zweimal flüchtete Dieter Gödecken aus Lagern.

Von Hans Begerow VAREL - Sein Elternhaus steht noch heute. In der Neuen Straße 21 betrieben Dieter Gödeckens Eltern Carl und Frieda ein Textilgeschäft. Da lag es nahe, dass der älteste Sohn Textilkaufmann werden sollte. Nach der Schulzeit kam Gödecken in die Lehre – und damit endet auch schon die Gemeinsamkeit mit Gleichaltrigen. Dieter Gödeckens Mutter Frieda war Jüdin, er selbst – 1926 in Varel geboren – galt als „Mischling“.

Als er zehn Jahre alt war, gingen seine Mitschüler an der Knabenschule ins sogenannte Jungvolk. „Ich war der einzige in der Klasse, der nicht im Jungvolk war“, erinnert sich der heute 81jährige Gödecken. „Und dann fing das mit den Sticheleien an.“ Sticheleien wegen seiner jüdischen Mutter und weil er selbst als „Halbjude“ galt.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den Corona-Update-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Der Vater musste sich von seinen Kegelbrüdern anhören, wie sie ihm die Scheidung nahelegten – dann könne er auch weiter mitkegeln. „Man hat uns nicht boykottiert, aber gemieden“, schildert Gödecken die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Eltern. „Es waren die kleinen Schikanen, die so schlimm waren.“

Nachbar Bernhard Albrechts ließ sich von den Nazis nicht einschüchtern, er besuchte die Gödeckens auch weiterhin. „Der hat sich nicht unterkriegen lassen, der ist weiter zu uns gekommen, aber die Kunden sind weniger geworden“, sagt Gödecken. Er erinnert sich auch an die Pogromnacht 1938, als die Synagoge gegenüber der Knabenschule brannte. Gödecken lief nach Hause, um den Eltern davon zu berichten. „Keiner mochte ans Telefon gehen“, schildert Gödecken die Furcht in der Familie.

Dann kam Dieter Gödecken nach der Konfirmation in die Lehre zum Textilgeschäft Neidhardt in Oldenburg. Nach dem Abschluss der Lehre gab es eine Vorladung zur Gestapo in Wilhelmshaven. Sein jüngerer Bruder Rolf (der schon verstorben ist) und sein Vater Carl Gödecken mussten auch nach Wilhelmshaven. Dort wurde Dieter Gödecken mitgeteilt, dass er sich in Oldenburg zum Arbeitseinsatz zu melden habe.

Man schickte Gödecken in ein Arbeitslager nach Frankreich, wo er unweit der luxemburgischen Grenze in einem Bergwerk arbeiten musste, das offenbar für die Rüstungsproduktion vorbereitet wurde. Da er mit einer Nierenbeckenentzündung erkrankte, schaffte man ihn in ein katholisches Krankenhaus in Luxemburg, von wo aus er zurück nach Varel flüchtete. Nachbar Bernhard Albrechts versteckte ihn.

Doch einige Wochen später wurde Dieter Gödecken erneut verhaftet und in ein Arbeitslager bei Holzminden gebracht. Dort mussten die Häftlinge Gräben ausheben. Im April 1945 flüchtete er mit anderen Vareler Inhaftierten – Enno de Vries, Robert de Levie und Adolf de Levie – aus dem Lager und kehrte nach Varel zurück, wo der Krieg allerdings noch nicht beendet war. Einige Zeit musste sich Gödecken noch versteckt halten, bis die kanadischen Soldaten Anfang Mai 1945 die Stadt besetzten und der Krieg damit auch in Varel beendet war. „Wir waren froh, dass der Krieg aus war", sagt Gödecken.

Die Mutter hatte den Krieg überlebt, noch im Februar 1945 sollte sie nach Theresienstadt deportiert werden, doch bescheinigte ein befreundeter Arzt – Dr. Wilhelm Behrens – ihr Bettlägerigkeit, und das furchtbare Schicksal blieb ihr erspart.

Andere Familienmitglieder aber hatten den Krieg nicht überlebt: Ein Bruder der Mutter war mit seiner Frau und seinen Söhnen nach der Pogromnacht 1938 deportiert worden. Alle vier kamen um, Dieter Gödecken bewahrt Besteckteile der Familie auf, das einzige, was Frieda Gödecken gerettet hatte.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.