Oldenburg Fast drei Monate ist es her, dass in Frankreich gleich zwei islamistische Attentate wieder alte Fragen aufwarfen: Muss Kritik um jeden Preis geäußert werden, auch wenn sie Religionsgemeinschaften verletzt? Senden Macrons vorgeschlagene Maßnahmen das falsche Signal an Frankreichs und Europas muslimische Bürger? Es schien dabei, als sei Religionskritik heute in den großen Medienhäusern teilweise weniger salonfähig als in den Studierzimmern der aufklärerischen Philosophen.

Johanna Tapper
Dabei galten Humanismus und Laizismus als zwei der größten Errungenschaften für unsere Gesellschaft. Gleichzeitig ist der kulturelle und psychologische Mehrwert von Religion allgemein als Bereicherung anerkannt. Ja, interreligiöser Dialog muss immer noch gefördert und Diskriminierung muss mit aller Kraft entgegengewirkt werden. In manchen Stellungnahmen zu den Attentaten wurden gefährlicherweise aber zwei völlig unterschiedliche Aspekte vermischt.

So stellte Charlotte Wiedemann in der taz in einem Plädoyer für mehr „Rücksichtsnahme auf religiöse Empfindlichkeit“ den Sinn kritischer Karikaturen infrage und die New York Times überraschte mit Schlagzeilen wie „Is France Fueling Muslim Terrorism by Trying to Prevent It?“. Charlie Hebdos Karikaturen sowie Macrons vieldiskutierte Vorschläge haben aber nicht das Ziel, den Islam als Religion zu diskriminieren, sondern lediglich dem Fundamentalismus den Kampf anzusagen, der die Vereinbarkeit des Islams mit der Demokratie und den liberalen Werten gefährdet.

Es geht also um das Erkennen des Unterschieds zwischen grundsätzlicher Islamophobie und rationaler Religionskritik. Wer diese Grenze nicht erkennen will, befeuert die antiliberale Argumentation der religiösen Terroristen, in der genau diese Trennlinie eben nicht gezogen wird. Wer dem Islam abspricht, Kritik zu vertragen, der tut außerdem der Weltreligion unrecht, die in der arabischen Welt jahrhundertelang eine der modernsten und wissenschaftsfreundlichsten Weltanschauungen hervorgebracht hat, während im mittelalterlichen Europa die Schriften von Wissenschaftlern und Philosophen im besten Falle nur verstaubten.

Nicht zu vergessen ist außerdem die tragisch gescheiterte Protestwelle des Arabischen Frühlings, in der ganze Nationen mehr Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Modernisierung forderten. Wer Islamismus relativiert oder wer sich schon gegen gut begründete Religionskritik sträubt, fällt all jenen Muslimen in den Rücken, die damals im Namen ihrer Religion für mehr Freiheit und Gerechtigkeit auf die Straße gingen. Und jenen, deren Leben noch heute vom islamistischen Terror zerstört wird.

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