Oldenburg Wenn wir auf die letzten Jahre zurückblicken lässt sich feststellen, dass immer mehr Debatten über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung in der Öffentlichkeit geführt wurden. Aus dem Internet heraus entstand die Me-Too-Bewegung die deutlich wie nie sexuellen Missbrauch dort ansprach, wo man bisher wegguckte. Ende Mai diesen Jahres war der Tod von George Floyd der schreckliche Beginn einer der breitesten öffentlichen Auseinandersetzungen mit alltäglichem Rassismus in der westlichen Welt. Insgesamt nahm die Relevanz dieser Themen zu. Und trotzdem kann man das Gefühl haben, dass auf die großen Debatten selten große gesellschaftliche Veränderungen folgten.

Maximilian Kürten (18) geht in die 13. Klasse und interessiert sich für Gesellschaftswissenschaften (Foto: Torsten von Reeken)

Eine breite, öffentliche Diskussion läuft dabei meist in einer ähnlichen Form ab. Ein Ereignis schafft Aufmerksamkeit. Dann diskutiert die Öffentlichkeit, im Fernsehen laufen Talkshows in denen polarisierende Meinungen sinnlos aufeinanderprallen, wir selbst positionieren uns. Eher selten gibt es wirkliche Auswirkungen, eher wird „Awareness geschaffen“. Und so schnell wie der Diskurs begann hört er wieder auf, bald gibt es ein neues Thema, einen neuen Aufreger.

Dabei sind mitunter diese Themen zu wichtig, um nur für begrenzte Zeit in unseren Gedanken Platz zu finden. Eine tiefere Auseinandersetzung muss Teil des Diskurses werden. Wir dürfen nicht nur eine Haltung zu solch wichtigen Themen entwickeln, sondern müssen unser eigenes Handeln hinterfragen und reflektiert und offen auch mit eigenen Fehlern umgehen, um in Zukunft besser handeln zu können.

Die Autorin Tupoka Ogette beschrieb in einem Interview das Problem am Beispiel von Alltagsrassismus. Frau Ogette erkennt das Problem darin, dass wir gesellschaftlich das Verständnis haben, dass nur jene rassistisch handeln, die mit Absicht Rassisten sind. Nur solches Handeln würde in der breiten Öffentlichkeit als Rassismus wahrgenommen werden. In der Gesellschaft wird Rassismus generell als Problem begriffen, was grundsätzlich sehr gut ist. Fatal sei, so Frau Ogette, wenn dadurch angenommen werde, dass jeder der antirassistisch ist, nicht auch rassistischen Denkmustern unterliegt, oder teilweise rassistisch handelt. Die reine innere Ablehnung von Rassismus reicht somit nicht aus.

Ähnlich lässt es sich auch auf das Thema Sexismus münzen, wie ein Beispiel aus den USA zeigt.

Vor etwa einer Woche wurde die amerikanische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez von einem Amtskollegen auf den Treppen des Capitols unter anderem als „fucking bitch“ bezeichnet.

Er versuchte sich tags darauf herauszureden und verwies darauf, dass er Frau und Töchter habe. Auch er denkt nicht über sich als Sexisten, was seinen verbalen Angriff nicht weniger sexistisch macht. Und solche Vorfälle seien keine Ausnahmen, so Frau Ocasio-Cortez in einer Rede. Viele Frauen würden Sexismus regelmäßig erleben.

Eine weitere Dimension des allgemeinen Problems der echten Auseinandersetzung mit diesen Themen wird so deutlich. Denn angenommen wir selber sind wirklich frei von Sexismus und Rassismus und anderen Diskriminierungsformen, können wir solches Verhalten trotzdem in unserer Umgebung erleben. Dies sollte man nicht ignorieren, sondern ansprechen und darüber diskutieren. Ruhig, sachlich und mit dem Ziel, für Verständnis zu sorgen.

Damit das gelingt, brauchen wir eine offene Fehlerkultur. Wir dürfen nicht so große Angst davor haben, bei uns selber diskriminierende Denkmuster oder Verhaltensweisen festzustellen, dass wir gar nicht erst unser eigenes Handeln reflektieren.

Den Betroffenen zuhören, Probleme verstehen wollen, das eigene Denken und Handeln hinterfragen, selber für Verständnis sorgen. Das sind die Schritte, die wir als Gesellschaft gehen müssen, damit sich hinsichtlich gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, bzw. Diskriminierung wirklich etwas ändern kann.

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