Berlin Der mehrfach Oscar-nominierte Regisseur Wim Wenders war „ziemlich überrascht“, als 2013 ein Schreiben mit dem Briefkopf des Vatikans bei ihm eintraf. Das Angebot: einen Film über den neugewählten Papst zu machen. Bis zum Drehbeginn sollten zwar noch drei Jahre vergehen, doch der Film atmet die Frische des Aufbruchs, der großen Reform, ja Revolution, die Wenders in dem Mann aus Argentinien sieht.

Er zieht Parallelen zum Namensgeber Franz von Assisi: das Bemühen um spirituelle Erneuerung, um kompromisslose Solidarität mit den Armen, um Frieden und die Rettung des Planeten. Am Karfreitag zeigt das ZDF um 22.50 Uhr „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ als TV-Premiere.

Für den Initiator, den damaligen Präfekten des Kommunikationssekretariats im Vatikan, Edoardo Vigano, war Wenders’ Zusage wohl ein Coup. Der Regisseur hat mit Spielfilmen wie „Paris Texas“ (1984) und „Der Himmel über Berlin“ (1987) Filmgeschichte geschrieben und mit Dokumentarfilmen wie „Buena Vista Social Club“ (1999) und „Das Salz der Erde“ (2014) Maßstäbe gesetzt.

Der Film ist weder als reine Dokumentation noch als Porträt angelegt. Wenders sucht nicht die kritisch-erkundende Distanz, sondern die Nähe eines Bewunderers: „Ich habe nach einigen Überlegungen vorgeschlagen, nicht einen biografischen Film über den Papst zu machen, sondern einen Film mit ihm.“ Er fasst Wort und Wirken von Franziskus mit cineastischer Meisterschaft in bewegende Bilder; der eingängige Soundtrack zieht zusätzlich in Bann.

Der Film hebt in Assisi an, als Sehnsuchtsort einer verlorenen Harmonie unter den Menschen und mit der Natur, deren Prophet der Heilige Franziskus ist. Mit einer Handkurbelkamera aus den 20er Jahren gedreht, erhalten sie eine historische Anmutung in einer romantisch verklärenden Inszenierung.

Das Wirken von Papst Franziskus gewinnt seine Konturen gleichsam vor dem Hintergrund einer düsteren Bestandsaufnahme des geplünderten Planeten, dessen Artenvielfalt schwindet, dessen Meere in Plastikmüll ersticken und auf dem eine himmelschreiende Ungerechtigkeit herrscht: eine „Wirtschaft, die tötet“, wird der Papst zitiert.

Der Zuschauer folgt ihm an die „Ränder der Gesellschaft“: zu Flüchtlingen auf Lampedusa und in die Favelas von Rio. Neben Boliviens Präsident Evo Morales fordert der Papst mehr Rechte für Landarbeiter; in Philadelphia umarmt er Gefangene, in Rom wäscht er ihnen am Gründonnerstag die Füße.

Wenders erhielt nach eigenen Angaben freie Hand bei der Sichtung der Archive des Vatikanfernsehens. So verfolgt der Zuschauer Franziskus auf der Weltbühne: am Ground Zero, in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem oder vor dem US-Kongress, wo er Waffenhandel anprangert.

Franziskus erscheint als Mann der Vorsehung, seine Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ als prophetischer Appell. „Gott schickt uns den Papst, den die Welt gerade braucht“, erklärt Ordensfrau Eufemia, die ihm aus seiner Zeit in Argentinien verbunden ist. Sie ist die einzige Person, die Wenders zusätzlich zu Wort kommen lässt.

Virtuos entwirft der Starregisseur sein Bild von Franziskus, dessen Amt als Stellvertreter Christi ganz in seiner Person aufgelöst wird und der zur moralischen Weltinstanz wird. Seine Ablehnung des Proselytismus – also des Abwerbens von Gläubigen – wird entsprechend als „Ablehnung der Bekehrung“ übersetzt, im Namen eines ethisch grundierten Religionspluralismus.

Mit dem Papstamt ist dies allerdings kaum vereinbar. Franziskus wird so zur Projektionsfläche einer Sehnsucht nach Heil in einer heillosen Welt: nicht mehr Oberhaupt einer Weltkirche, die Gottes Heil vermitteln will, sondern „Mann seines Wortes“ im Dienst eines Weltethos zur Rettung des Planeten.

Da der Film von 2018 ist, kann er natürlich weder auf neuere Reformdebatten eingehen noch auf die jüngsten Bilder aus Corona-Zeiten. Wobei es sicher spannend gewesen wäre, zu sehen, wie Starregisseur Wenders den einsamen Papst auf dem gespenstisch leeren Petersplatz in sein Werke eingebaut hätte.

Wim Wenders(74) ist ein deutscher Regisseur und Fotograf. Zusammen mit anderen Autorenfilmern des Neuen Deutschen Films gründete er 1971 den Filmverlag der Autoren. Von 2002 bis 2017 war er Professor für Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Mit Filmen wie „Paris, Texas“ oder „Der Himmel über Berlin“ erreichte er ab den 1980er Jahren weltweite Bekanntheit. Wenders sieht sich als „der Reisende und dann erst Regisseur oder Fotograf“. Von 1991 bis 1996 war Wenders Vorsitzender der Europäischen Filmakademie und ist seither deren Präsident.

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