München Thomas Gottschalk hätte zur Legende werden können. Als er „Wetten, dass..?“ an den Nagel hängte, hätte er sich ausruhen können auf dem Wissen, Fernsehgeschichte geschrieben zu haben. „Aber was habe ich denn davon?“, fragte er im vergangenen Jahr bei einer Lesung in München aus seinem jüngsten Buch „Herbstbunt“. „Grundsätzlich ist einfach der Spaß an der Sache größer als die Lust, Legende zu sein“, sagt Gottschalk nun in einem Interview des Bayerischen Rundfunks (BR). „Wenn ich die Chance habe, rauszukommen und zu sagen: „Guten Abend in Deutschland, Österreich und der Schweiz“, dann tue ich das.“

Noch einmal zurück

Am Montag, 18. Mai, wird Gottschalk, der Berufsjugendliche, 70 Jahre alt. In Corona-Zeiten qualifiziert das für die Risikogruppe. Sprechen will er darüber auf Anfrage nicht, aber das ZDF feiert ihn mit einer Live-Gala/-Party („Happy Birthday, Thomas Gottschalk!) am Sonntagabend, 17. Mai (22.15 Uhr).

Im November wird es ganz nostalgisch: Der dann 70-Jährige kommt mit seinem ganz großen Erfolg zurück ins Fernsehen, will noch einmal die Show moderieren, die dafür sorgt, dass man ihn eigentlich in einem Atemzug mit Hans-Joachim Kulenkampff oder Peter Frankenfeld nennen muss: „Wetten, dass..?“.

Das mediale Lagerfeuer, das Gottschalk zwischen 1987 und 2011 regelmäßig anzündete, ist inzwischen zwar erloschen, doch vor noch gar nicht allzu langer Zeit sprach man am Montag danach darüber – im Büro und auf dem Schulhof. Man sprach über den spektakulären Auftritt von Michael Jackson, über Gäste wie Tina Turner, Robbie Williams und Tom Hanks und darüber, was der Thommy da nur wieder anhatte. Seine Outfits sind ebenso legendär wie die Tatsache, dass die berühmtesten seiner Gäste immer schon nach fünf Minuten ihren Flieger kriegen mussten.

Doch so glanzvoll Gottschalks „Wetten, dass..?“-Vergangenheit auch ist, mit Alternativen auf dem Bildschirm hatte er oft kein glückliches Händchen. Er scheiterte phänomenal mit einer Vorabendshow im Ersten und zog Kritik auf sich, als er neben Dieter Bohlen in der „Supertalent“-Jury von RTL Platz nahm.

Als der aus Kulmbach stammende Fernsehmann Anfang 2019 verkündete, dass er eine Literatursendung („Gottschalk liest?“) im BR startet, sagte er, sein Glück sei, „dass ich in einer Phase meiner Karriere bin, in der ich nichts mehr zu verlieren habe“. Und eine Literatursendung sei da doch die bessere berufliche Perspektive – „bevor es eine weitere Folge der ,Rosenheim-Cops‘ wird“.

Inzwischen ist auch „Gottschalk liest?“ Geschichte. Grund ist wohl eine Frau: Karina Mroß, seine neue Lebenspartnerin, über die er der Zeitschrift „Bunte“ sagt: „Karina ist wirklich meine Traumfrau.“ Der Moderator hat den BR, bei dem er seine Karriere einst startete, gegen den Südwestrundfunk (SWR) eingetauscht, wo auch Mroß arbeitet.

Neuer Weg

Dass Gottschalk seine Frau Thea nach fast einem halben Jahrhundert, zwei Söhnen und Enkelkindern für eine Jüngere verließ, machte Schlagzeilen im vergangenen Jahr, kurz nachdem seine Villa in Malibu abgebrannt war. „Meine erklärte Absicht war es eigentlich, als abgeklärte Fernsehlegende in Malibu die Füße hochzulegen, während sich die Nation nur schwer mit dem Gedanken abfinden kann, ihre Samstagabende ohne mich zu verbringen“, schreibt er in „Herbstbunt“. Doch: „Malibu ist abgebrannt, die Nation plant das Wochenende ohne mich, und statt in meiner kalifornischen Windmühle in die Abendsonne zu blinzeln, die glutrot im Pazifik versinkt, habe ich mir mit neuer Partnerin in Baden-Baden eine renovierte Dachwohnung gemietet.“

Er sei sich seiner Sache stets sehr sicher gewesen, schreibt Gottschalk in dem Buch auch. „So sicher, dass ich mir im Rückblick fast eine gewisse Arroganz eingestehen muss. Das wurde mir aber erst klar, als mir im letzten Drittel meiner Reise nach meinem beruflichen auch mein privates Leben um die Ohren flog.“ Als notorischem Dampfplauderer falle es ihm inzwischen schwer, zu erkennen, wo heute die Grenzen des guten Geschmacks verlaufen, räumt er in der Biografie (2019) ein.

Das merkt man zuweilen: Über Jahrzehnte hinweg gelang es Gottschalk immer wieder, den richtigen Ton zu treffen. Besonders in schwierigen Situationen konnte er über sich hinauswachsen: zum Beispiel als er humorvoll und konziliant die Stimmung beim Fernsehpreis rettete, nachdem Marcel Reich-Ranicki erbost gezetert hatte: „Ich nehme diesen Preis nicht an“. Oder als er nach dem furchtbaren Unfall von Samuel Koch (4. Dezember 2010) die „Wetten, dass..?“-Sendung abbrach und nicht lange danach ein mitfühlendes Interview mit dessen Vater führte.

Schlagfertig und klug

Was er sagte, war wahnsinnig schlagfertig, oft lustig, charmant, hatte aber meistens Substanz, es war zuweilen sogar klug. In den vergangenen Jahren scheint ihm das Gespür für den richtigen Ton aber zeitweise abhanden zu kommen. Er beschwört gern eine Allianz mit seinen Fans und Hörern gegen (andere) Medien. Zu einem kommunikativen Desaster geriet seine Ankündigung, nicht mehr mit dem BR zusammenzuarbeiten. Er sagte, das geschehe aus gesundheitlichen Gründen – und ganz Fernsehdeutschland war in Sorge, bis er schließlich in einer Talkshow einräumte, schlicht gelogen zu haben.

„Herbstbunt“, sein bislang letztes Buch, erlaubt auch einen Einblick in die Seele des alten, weißen Mannes. Der „,ältere heterosexuelle weiße Mann‘, eine Spezies, der ich mich zurechne“, sei „mittlerweile das einzige lebende Wesen (...), das keinerlei Artenschutz für sich reklamieren kann“. Es ist die große Sorge alter weißer Männer auf der ganzen Welt – und sie macht leider wohl auch vor einer Fernsehlegende nicht Halt.

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