MüNCHEN Im Warschauer Ghetto sind Gewehrschüsse zu hören, acht Schmugglerinnen werden hingerichtet. „Lass’ uns gehen“, bittet Ghetto-Arzt Josef Weiss seine Frau Berta. „Nein“, insistiert sie, „das ist das Mindeste, was für sie tun können – Zeugen zu sein.“

Darum geht es bei der TV-Serie „Holocaust“: Zeugen zu sein, Zeugen eines unvorstellbaren Verbrechens. Es waren die Amerikaner, die die Deutschen in den Zeugenstand baten: Als der Hollywood-Vierteiler im Januar 1979 in den Dritten Programmen des deutschen Fernsehens zu sehen war, schalteten pro Folge bis zu 15 Millionen Zuschauer ein. Für viele Deutsche war es die erste Konfrontation mit ihrer grausamen Vergangenheit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs – und für Hollywood waren die anschließenden Diskussionen in der Bundesrepublik vielleicht ein noch größerer Erfolg als die acht Emmy Awards und die zwei Golden Globes, mit denen die Serie in den USA ausgezeichnet worden war.

Es ist ein einfacher dramaturgischer Kniff, mit dem sich Regisseur Marvin J. Chomsky die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer sicherte: Er spiegelt das Grauen des Nazi-Terrors im Schicksal einer einzelnen Familie, der jüdischen Arzt-Familie Weiss aus Berlin. Natürlich wirkt die Handlung mitunter überfrachtet, wenn Familienmitglieder durch das Euthanasie-Programm der Nazis umkommen, Zeugen des Massakers von Babi Yar werden, den Aufstand im Warschauer Ghetto organisieren, in Auschwitz ermordet werden. Aber eben weil hier Familien-Geschichte erzählt wird, kann sich niemand der emotionalen Nähe zu den Hauptfiguren entziehen.

Manchmal übertreibt es Chomsky zwar mit der Symbolik – ein Kind läuft weinend weg, als es seinen Vater in SS-Uniform sieht; Fotos der vertriebenen jüdischen Familie werden achtlos in einen Ofen geworfen. Nie verfällt Chomsky aber in einfache Schwarz-Weiß-Muster, er liefert sogar Erklärungsversuche: Familienvater Erik Dorf (ein ehemaliger Patient von Dr. Weiss) wird zum SS-Schergen nicht etwa aus Mordlust, sondern weil nur die Nazis dem arbeitslosen Juristen eine berufliche Perspektive bieten.

Das DVD-Set, das am Freitag, 24. April, bei Polyband Medien erscheint, bietet keine Extras und keine digital aufgefrischten Bilder. Zu sehen sind hier wie vor 30 Jahren großartige Schauspieler (Meryl Streep, James Woods) und eine bewegende Geschichte. Geschichte, die 415 Minuten lang schmerzt.

„Das Leben ist immer besser als der Tod“, sagt der trauernde Josef Weiss nach dem Tod seiner Tochter Anna. „Ich bin mir da nicht mehr so sicher“, antwortet seine Frau.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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