Frage: Wer sitzt in der Jury der Show?

Stevens: Wir haben alles dabei – vom Sozialtherapeuten über den katholischen Priester bis hin zum AfD-Politiker. Es war schon wichtig, Fälle auszuwählen, die polarisieren und juristisch mehrdeutig sind. Denn es ist ja nicht immer so schwarz-weiß, wie es auf den ersten Blick scheint. Oftmals stehen ja wirklich Schicksale dahinter. Und manchmal fallen den Jury-Mitgliedern Aspekte auf, die ich nicht bemerkt habe – und das reale Gericht auch nicht.

Frage: Welche denn?

Moderator Stevens ist Strafverteidiger und Autor

Alexander Stevens (38) arbeitet als Strafverteidiger und Autor in München. Er lehrt als Gastdozent an verschiedenen Unis und hat zahlreiche Bücher auf den Markt gebracht. Beim neuen Gerichtsformat „Im Namen des Volkes“ ist Stevens Moderator. Der Rechtsanwalt soll als Experte der Jury Denkanstöße geben.

„Im Namen des Volkes – So urteilt Deutschland“ startet am 2. April um 20.15 Uhr. Sieben Laienrichter rollen echte Kriminalfälle, bei denen bereits ein Urteil fiel, neu auf. In der Show sitzen normale Bürger zu Gericht und beurteilen die Kriminalfälle – nach dem Vorbild der Jury in US-amerikanischen Gerichtsprozessen.

Stevens: Wir hatten zum Beispiel in einem Fall die Frage, wie mit Sterbehilfe umzugehen ist. Das ist ja ein Thema, für das viele Menschen Sympathien hegen. Und ein Jury-Mitglied machte die Anmerkung, dass es doch besser sei, Sterbehilfe zu leisten, als dass sich jemand vor einen Zug wirft. Denn dann seien zwei Leben zerstört: das des Lokführers nämlich auch. Auf die Idee sind die Berufsrichter nicht gekommen.

Frage: Was hat Sie an den Jury-Entscheidungen am meisten überrascht?

Stevens: Wie differenziert dann doch argumentiert wurde. Oft hört man ja schlicht: „Todesstrafe“ oder ähnliches. Aber die Jury hat sich mit den Argumenten und Sachverhalten auseinandergesetzt – gerade, wenn es um Mord geht.

Bis heute ist Mord ja ein völlig unbestimmter Rechtsbegriff. Was sind niedere Beweggründe? Das ist völlig undefiniert.

Frage: Was haben Sie in dieser Sendung gelernt?

Stevens: Dass unser Rechtssystem, das sich in der Theorie sehr gerecht darstellt, in der Praxis sehr ungerecht ist.

Frage: Wäre es mit einem Jury-System wie in den USA gerechter?

Stevens: Früher hätte ich klar „Nein“ gesagt, aber heute sehe ich das anders. Sie haben mehr Leute mit mehreren Argumenten und einer breiteren Sichtweise. Die Augen von sieben oder zwölf Geschworenen sehen mehr als die zwei Augen eines Richters.

Frage: Sie sind Fernseh-Jurist der ersten Stunde, waren schon bei „Richter Alexander Hold“ dabei. Hatte das Auswirkungen auf Ihre realen Auftritte vor Gericht?

Stevens: Absolut. Fernseh-Anwälte haben ein fragwürdiges Standing bei Gericht und werden selten ernst genommen. Das ist der Grund, warum ich promoviert habe – damit ich dann wieder ernst genommen werde. Zu Zeiten der Gerichtsshows war es tatsächlich ganz schlimm. Viele Zuschauer dachten dann auch, in Gerichten gehe es wirklich so zu, und manche haben sich dann auch tatsächlich in den Gerichten so verhalten wie die Komparsen im Fernsehen.

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