Hamburg Vor 40 Jahren war Willy Brandt Bundeskanzler einer Koalition aus SPD und FDP, in den USA wurde das weltweit erste Telefonat mit einem Mobiltelefon geführt und ein junger Komiker namens Otto Waalkes bekam in Deutschland seine erste Fernsehsendung. In diesem Jahr 1973 brachte der mit 28 Jahren schon als Star etablierte Regisseur und Autor Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) in der ARD seinen Zweiteiler „Welt am Draht“ auf den Bildschirm, den er für den WDR gedreht hatte.

Der insgesamt 204 Minuten lange Science-Fiction-Film, am 14. und 16. Oktober 1973 erstmals ausgestrahlt, nahm vieles vorweg, das dem heutigen Kinopublikum aus Streifen wie „Matrix“, „Inception“ oder „Dark City“ geläufig ist. Ein Computerprogramm mit künstlichen Menschen wirft die Frage auf, ob auch wir selbst von irgendwo her ferngesteuert werden. Ein Großkonzern will die Forschungsergebnisse für sich nutzen und kann dabei auf das Wohlwollen eines skrupellosen Institutsleiters zählen.

Anders als aktuelle Blockbuster, die ohne ihre „Special Effects“ nur die Hälfte wert wären, kam Fassbinder bei seinem einzigen Ausflug ins Science-Fiction-Genre ganz ohne diese teure Tricktechnik aus. Dafür konnte er sich auf eine Riege großartiger Schauspieler stützen; selbst kleine Nebenrollen waren mit damals äußerst populären Stars besetzt. Solche Cameo-Auftritte hatten etwa Eddie Constantine, Christine Kaufmann, Walter Sedlmayr oder der Schlagersänger Bruce Low.

In der Hauptrolle spielt der 2002 gestorbene Klaus Löwitsch den Kybernetiker Fred Stiller, dem die Leitung des Projekts Simulacron übertragen wird. In einem Computer haben Forscher eine künstliche Welt geschaffen, die von 10 000 „Identitätseinheiten“ bevölkert ist. Diese elektronischen Schaltkreise wissen nicht, dass sie keine wirklichen Menschen sind, sondern von „oben“ nach Belieben gesteuert und abgeschaltet werden können. Nur die „Kontakteinheit“ namens Einstein (Gottfried John) verfügt über dieses Wissen – und verzweifelt daran.

Nach der Erstausstrahlung wurde „Welt am Draht“ nur noch selten im Fernsehen gezeigt, zuletzt in einer digital restaurierten Fassung im Juni 2012 bei Arte. Auch auf DVD war der Film über Jahrzehnte nicht verfügbar.

Unter der künstlerischen Leitung von Fassbinders Kameramann Michael Ballhaus – inzwischen eine Institution im internationalen Filmgeschäft – wurde der auf 16-Millimeter-Film gedrehte Zweiteiler digital restauriert und im Jahr 2010 in neuer Farbenpracht auf der Berlinale vorgestellt.

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