Bremen Die Warnung vorweg: Das ist keine leichte Kost. Denn es geht um etwas, was wir gern ignorieren, weil es jeden von uns jederzeit treffen könnte: Es geht um die Pflege in Deutschland.

Der Bremer „Tatort“ am kommenden Sonntag (20.15 Uhr, ARD) verbindet einen Mordfall mit einer Sozialstudie. Aber ist es überhaupt ein Mord im klassischen Sinne?

Der Rentner Horst verzweifelt. Er hat kein Geld mehr für ein würdiges Leben, seine Frau ist vollständig dement, der Pflegedienst betrügt ihn – aus purer Not heraus tötet Horst seine demenzkranke Frau.

Generell gehört die Reihe „Tatort“ längst nicht mehr zu den Höhepunkten im Fernsehen, aber dieser „Tatort“ ist zu loben, weil er uns packt, berührt und zum Nachdenken zwingt. Und das nicht nur, weil er das brennende Thema Pflege endlich mal mit einem Krimi verknüpft. Das wäre nur gut gemeint. Philip Koch führte diesmal Regie – und zwar gekonnt. Er erspart uns nicht die Konfrontation mit Tod, Krankheit und Leid in vielen Formen. So wird es ein starker Film – und ein guter Film.

Die Bremer Ermittler Inga Lürsen, gespielt von Sabine Postel, und Stedefreund, (Oliver Mommsen) werden in dem Fall aktiv, und auf einmal sind wir mitten in einem gesellschaftlichen Tabuthema gelandet. Was kostet Pflege? Wie stark wird da betrogen?

Schicht um Schicht erleben wir den Alltag von Pflegenden. Und das ist kein Zuckerschlecken. Da ist etwa die junge Frau, die sich zu Hause aufopferungsvoll um ihre Mutter kümmert, die schon mal ins Bett macht. Ihre Tochter erkennt sie schon lange nicht mehr. Die Mutter schreit und poltert, schlägt und heult. Die Tochter lebt längst auf Hartz-IV-Niveau, ist kaputt, ausgebrannt, weiß keine Lösung, würde sich für eine bessere Pflegestufe glatt prostituieren.

Schon stapft Peter Heinrich Brix aus Büttenwarder in den „Tatort“, nicht in Gummistiefeln, sondern auf leisen Sohlen, mimt er doch einen zwielichtigen Typ, der mit schiefem Grinsen als Gutachter Pflegegrade bestimmt und Einwände bearbeitet. Ihm gegenüber stehen pflegende Familienangehörige. Die fragen sich: Darf man sein eigenes Leben verleugnen, um ein anderes Leben zu verbessern? Wie rechnet man eigentlich Leben gegen Leben auf?

Der Film stellt die richtigen Fragen. Fertige Antworten kann er nicht liefern. Es ist ein Appell für bessere Pflege, für Nächstenliebe und gegen Gleichgültigkeit und sture Bürokratie. „Im toten Winkel“ ist genau der richtige Titel für diesen „Tatort“. Der Krimi zeigt persönliche Schicksale, die uns emotional treffen. Er dokumentiert eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die man am liebsten umgehend beseitigen möchte. Nur wie?

An einer Stelle sagt der betagte Rentner, der seine demente Frau tötete und sich selbst umbringen wollte, über sich und seine Frau: „Wir haben uns das Leben nicht mehr leisten können!“

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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