Bremen /Bremerhaven „100 000 Packungen Margarine schwimmen hier“, trompetet die Wochenschau-Stimme. Der Harpunier löst die Treibladung. „Volltreffer“, triumphiert die Stimme aus dem Off: Gezeigt wird in dem Filmausschnitt aus den 30ern der Abschuss eines Wals. Es war einer von 30 000 Meeressäugern, der Opfer der deutschen Ernährungs- und Kriegswirtschaft im Nationalsozialismus wurde. Dass Deutschland mit seiner expansiven Fangpolitik in der Antarktis einen großen Anteil an die Ausrottung der Wale hat, dokumentiert Frido Essen in seinem Radio-Bremen-Film „Walfang unterm Hakenkreuz“, der am Montag, 6. April, im Ersten gezeigt wird (23.30 Uhr und jederzeit in der Mediathek).

Es käme darauf an, die „Fettlücke“ in der Ernährung der Deutschen zu schließen, so das Kalkül der Machthaber. Ab 1935 setzten die Deutschen daher auf Walfang in der Antarktis, um selbst genug Walöl für die Margarine-Produktion zu haben und – kriegswichtig – autark zu sein. Zuvor musste das Walöl aus Norwegen und Großbritannien eingeführt werden. 1935 wurden binnen eines Jahres sieben Fangflotten mit über 50 Fangschiffen gebaut, die dann von Bremerhaven und Hamburg aus in die Antarktis aufbrachen. Maßgeblich vorangetrieben von den Firmen Henkel und Walter Rau, die den „Rohstoff Wal“ zur Herstellung von Margarine und Waschpulver nutzten. Filmemacher Essen schildert die Strategien der Unternehmer, die teils vorhandene Schiffe umrüsten, teils neue bauen. Schwimmende Schlachtfabriken und eine Flotte von Fangbooten. Eines der Fangboote aus jener Zeit liegt im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, die „Rau IX“, benannt nach dem Margarinefabrikanten Walter Rau, selbst NSDAP-Mitglied.

„Nichts hat den Walen mehr geschadet als die Margarine“, kann man als trauriges Fazit ziehen. Unter den Zeitzeugen und Experten, die
Gesprächspartner sind, ist auch die Leiterin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, Anke Boëtius. Selbst Enkelin eines Walfängers, erläutert sie die Geschichte der weitgehenden Ausrottung der Wale in der Antarktis. Auch Walfängern, die das blutige Geschäft hautnah erlebt haben, heute hochbetagt, kommen Zweifel, „dass das wohl nicht ganz richtig war“.

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Bis zu 40 Wale am Tag erlegten die deutschen Walfänger in der Antarktis. Motto: „Das Meer ist unsere einzige Kolonie.“ Was man alles aus einem Wal machen kann, erfuhren die „Volksgenossen“ in Ausstellungen und Wochenschauberichten. Im Bild Hermann Göring, der Walprodukte begutachtet – und bei dem man mit einiger Sicherheit sagen kann, dass bei ihm keine „Fettlücke“ vorlag. Mit der Rückkehr der Antarktis-Walfangflotte im Frühjahr 1939 endete der deutsche Walfang. Die Fangboote wurde zu U-Boot-Jägern, freilich mit Kanone statt mit Harpune.

Doch auch nach dem Krieg waren Deutsche am Walfang beteiligt. Der griechische Reeder Aristoteles Onassis ließ Schiffe ausrüsten und schickte sie mit Walfang-erfahrener deutscher Besatzung in die Antarktis. 1956 endete dieses Kapitel. Ach ja, und Margarine kann man auch aus Pflanzen herstellen.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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