Bremen /Berlin Was war der Mann charmant! Natürlich, ein bisschen machte er sich auch lustig über seine einfältigen Gäste, und vor allem über die jungen Damen. Aber bitte: Das waren doch die 50er, 60er Jahre – und bei diesem Lächeln und diesem Augenaufschlag. – Vor 20 Jahren, am 14. August 1998, starb Hans-Joachim Kulenkampff, einer der Stars des frühen bundesrepublikanischen Unterhaltungsfernsehens. Ein Charmeur, ein Chauvi – aber auch ein Traumatisierter der deutschen Katastrophe.

Geboren wurde Kulenkampff im April 1921 in eine uralte Familie des Bremer Bürgeradels, die sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Vielfach familiär musisch vorbelastet, musste der junge Theaterstudent mit gerade mal gut 20 Jahren an die Ostfront. Natürlich, ja, er sprach kaum darüber; die Sache war immerhin bekannt. Aber erst die jüngst ausgestrahlte, frappierende ARD-Doku „Kulenkampffs Schuhe“ hat wohl die wirklichen Dimensionen dessen erfasst, was sich vor den Augen der ahnungslosen Zuschauer abspielte: Unterhaltungsfernsehen, um an „das andere“ nicht denken zu müssen.

Immer wieder machte Kulenkampff in seinen Sendungen vor der halben Bundesrepublik verkappte Witze über den Krieg; kleine, harmlose Scherze oder Gesten – während er im Privaten die einsetzende Konfrontation der Deutschen durch Kriegsfilme nicht aushalten konnte. Er floh buchstäblich aus dem Raum, wenn er ansehen sollte, was er selbst durchlitten hatte.

Die Verluste im Russland-Feldzug. „Jeden Morgen neben mir einige Kameraden tot und steifgefroren.“ Er selbst schnitt sich mit dem Taschenmesser eigenhändig vier erfrorene Zehen ab. In der Samstagabendsendung der Adenauer-Ära: immer gute Laune. Wodka? – „Der einzige Grund, dass ich nicht bereue, in Russland gewesen zu sein.“

1944, nach zwei Jahren, in denen er für kriegsuntauglich erklärt worden war, musste Kulenkampff wieder an die Front. Jetzt nach Hannover; das letzte Aufgebot. In seinen Erinnerungen beschreibt er, wie dort junge Frauen von Bombentreffern zerfetzt wurden: „eine furchtbare Sauerei – wo ich doch Mädchen so gerne hatte“.

Nach der Kriegsgefangenschaft ging er zum Theater nach Frankfurt, machte schnell Rundfunk-, Fernseh- und sogar Filmkarriere; blieb auch immer dem Theater treu. Ja, das Fernsehen war eher der gut bezahlte Nebenjob für das schlecht bezahlte Theater. Wegen seiner Jugend war Kulenkampff nicht von der Entnazifizierung betroffen. Seine Sendeformate freilich wurden nur teilweise Erfolge. Er selbst, der gebildete Charmeur und Possenreißer, war immer einer. „Der Kuli“ war eine Marke, eine feste Größe.

Sein größter Erfolg blieb „Einer wird gewinnen“, kurz EWG. Eurovisionshymne, international aufgestellt. Menschen aus anderen europäischen Ländern wurden hier eingeladen und vorgestellt; lässig, smart, ironisch, mittelrespektvoll. Es waren andere Zeiten. Kaum einer wusste oder ahnte, wer im Hintergrund agierte.

Produzent der Sendung – übrigens auch für Heinz Schenks „Blauen Bock“ und Bernhard Grzimeks „Ein Platz für Tiere“ – war Martin Jente, der auch als ewiger Butler selbst vor die Kamera trat, um Kulenkampff nach einem knappen Dialog rituell Frack, Hut und Schirm zum Abgang zu reichen. Hat der sensible Showmaster eine Ahnung gehabt, dass Jente seit 1933 SS-Mitglied war, später SS-Hauptscharführer und Adjutant im Führerhauptquartier? All seine Insignien, die Telegramme des Führers, fand man nach seinem Tod in seiner Wohnung.

Für die Bundesbürger blieb Kulenkampff noch für eine andere Sendung unvergesslich: „Nachtgedanken“ (1985–1990). Ein Gute-Nacht-Format, nach dem die Nationalhymne gefiedelt wurde. Danach: Sendeschluss. Kulenkampff, im Ohrensessel, las Auszüge aus Literatur und Philosophie. Dann setzte er weise seine Brille ab, linste schelmisch in die Kamera und wünschte eine „Gute Nacht!“.

Vor 20 Jahren, am 14. August 1998, holte ihn in seiner österreichischen Wahlheimat Seeham der Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er starb mit nur sechs Zehen.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.