Bremen Manchmal wird es Giovanni di Lorenzo zu viel. „Wenn es mir sehr nahe geht, dann schalte ich auch mal die Ohren auf Durchzug, um nicht die Fassung zu verlieren“, erzählt der Moderator der Talkshow „3nach9“ von Radio Bremen. „Zum Beispiel: Erzählungen über das Leiden von Kindern sind für mich schwer auszuhalten. Dann bin ich ein ganz schlechter Gesprächspartner.“ In der Regel könne er sich bei emotionalen Themen aber gut abgrenzen. Der Gast solle sich frei fühlen, auch von schwierigen Erlebnissen zu erzählen. „Ich kann ihm nicht noch die Last meiner Emotionen aufbürden“, sagt der 60-Jährige, der seit 30 Jahren „3nach9“ moderiert, der Deutschen Presseagentur.

Wenn die dienstälteste Talkshow im deutschen Fernsehen an diesem Dienstag (22.45 Uhr im Ersten) ihren 45. Geburtstag feiert, werden Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers zunächst angespannt sein. „Hinterm Vorhang bevor es losgeht, sind wir beide immer wahnsinnig aufgeregt“, berichtet die Moderatorin Rakers, die als „Tagesschau“-Sprecherin bundesweit bekannt ist. „In den ersten fünf Minuten verschwindet die Aufregung und dann ist nur noch der Moment wichtig und das Interesse für den Gast.“ Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ ist, sieht in seinem Lampenfieber etwas Positives: „Es steigert die Konzentration.“

Mehr als 4000 Frauen und Männer sind in den vergangenen 45 Jahren ins „3nach9“-Studio gekommen – Schauspieler, Sängerinnen, Politiker und Menschen mit einer besonderen Geschichte. „Wenn man sich wirklich einlässt auf die Menschen und auf ihre Biografien ist da immer ganz viel, was man rausholen kann, ohne dass es langweilig wird“, sagt die 43-jährige Rakers. „Wir können mit der Sendung zeigen, wie bunt die Welt ist.“

Aus Sicht von Giovanni di Lorenzo gibt die Talkshow Einblicke in Persönlichkeiten. Eine gute Talkshow müsse nicht so sehr die Frage beantworten, was ein Mensch sagt, sondern wie er ist. „Und oft ist es die Erfahrung: Der ist ja gar nicht so, wie ich gedacht habe. Und dann ist es ein guter Moment.“ Seine Aufgabe sei, Menschen zum Reden zu bringen. Dafür brauche es eine Atmosphäre, in der der Gast sich traue, etwas von sich preiszugeben.

Der Umgang mit den Gästen ist aus Sicht der Medienforscherin Joan Bleicher von der Universität Hamburg eines der Erfolgsrezepte von „3nach9“. Viele Talkshows setzten darauf, Gäste in irgendeiner Weise bloßzustellen oder zu kritisieren. „Das ist nicht immer das, was die Zuschauer auch sehen wollen“, sagt die Professorin.

Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers seien profilierte Journalisten, die zuhören und gut nachfragen. „Sie ergänzen sich gut.“ Die Mischung aus gesellschaftlich relevanten und privaten Themen sei ein weiterer Grund für den Erfolg der Sendung.

Rakers beschäftigt sich intensiv mit den Lebensläufen ihrer Gesprächspartner. „Man liest, man recherchiert, man erstellt sich teilweise über Wochen eine Ablage“, erzählt sie und überschlägt, dass eine Sendung zusammengerechnet etwa vier volle Arbeitstage bedeuten. Beim dienstältesten Moderator der Talkshow ist das ähnlich. Aber insgeheim träumt der pflichtbewusste Journalist von einem Experiment. „In mir ist über die Jahre eine Sehnsucht, ein großer Wunsch gewachsen. Nämlich einmal in eine Sendung zu gehen, ohne irgendetwas gelesen zu haben“, erzählt Giovanni di Lorenzo.

Gäste am Dienstag sind Alt-Bundespräsident Christian Wulff, die Musikerinnen Sarah Connor und Anne-Sophie Mutter, der Komiker Helge Schneider, der Philosoph Richard David Precht und der Psychotherapeut Günter Franzen.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.