Bonn Es beginnt mit dem vorläufigen Ende der Tragödie. Ein Notruf aus dem Beverly Hilton Hotel im Februar 2012 geht ein, wo am darauffolgenden Abend die „Grammy Awards“ verliehen werden. Whitney Houston liege leblos in der Badewanne. Ihre Drogenabhängigkeit war bekannt. Sie ist 48 Jahre alt.

Wie hatte es so weit kommen können? „Whitney – Can I be Me“ von Nick Broomfield und Rudi Dolezal nimmt diese Frage als dramaturgische Prämisse und rollt mehr oder weniger chronologisch das Leben der afro-amerikanischen Sängerin auf, angefangen bei der Kindheit in Newark, New Jersey.

Die zahlreichen Konzertaufnahmen, in Zwischenspielen immer wieder eingestreut und die Thesen des Films untermauernd, stammen im Wesentlichen aus Houstons letzter, sehr erfolgreicher Europa-Tournee 2009. Der österreichische Musikvideo-Regisseur Rudi Dolezal hatte einen Dokumentarfilm geplant und uneingeschränkten Zugang zu Sängerin und Crew, auf der Bühne und Backstage. Auf dieses bislang unveröffentlichte Filmmaterial geht offenbar der Co-Regie-Credit für Dolezal zurück.

Die Tournee markiert im Film einen Wendepunkt, ab dem es der Sängerin zunehmend und für alle sichtbar schlecht ging; die folgenden Jahre bis zu ihrem Tod im Februar 2012 werden eher im Zeitraffer erzählt. Zu den Konzertausschnitten, aber auch zum umfangreich recherchierten Archivmaterial, vor allem aus Talk-Shows und öffentlichen Auftritten, aber auch aus Home Videos, sind häufig die Aussagen von Weggefährten zu hören: Musiker aus ihrer Band, Mitarbeiter der Crew.

Nicht autorisiert

Auffällig ist, dass bis auf Whitney Houstons Geschwister und Bobby Browns Schwester niemand aus ihrem unmittelbaren Umfeld zu Wort kommt. Der Film wurde von Houstons Familie nicht autorisiert, im Gegensatz zu dem Dokumentarfilm von Kevin MacDonald. Darin kommt beispielsweise der Entdecker von Whitney Houston, Arista- Records-Chef Clive Davis, zu Wort. Offenkundig wurden Freunde und Kollegen von der Erbengemeinschaft gebeten, nicht mit Nick Broomfield zusammenzuarbeiten.

Neben Clive Davis sind auch Houstons Ex-Mann Bobby Brown, ihre Mutter, die Gospelsängerin Cissy Houston, und ihre langjährige persönliche Assistentin Robyn Crawford nur im Archivmaterial zu sehen. Die Thesen des Films werden demnach nur von Menschen aus der zweiten Reihe gestützt. Die spannendste, durchaus glaubwürdig untermauerte These handelt von Houstons Bisexualität: Sie habe eine Beziehung mit Robyn Crawford gehabt. Stets wird auch reflektiert, was ihre Karriereschritte und ihre Beziehungen, auch die mit Bobby Brown, für eine schwarze Sängerin in den USA bedeuteten – insbesondere für eine Sängerin, die vor allem in ihren Anfängen sehr zum „weißen“ Pop tendierte.

Dass der Film aus der Perspektive ihres erweiterten Umfelds erzählt wird, ist wohltuend. In den Interviews kommen Menschen zu Wort, die womöglich noch nie so ausführlich dazu gehört wurden. Sie sprechen vielleicht sogar offener, als Angehörige oder enge Freunde das tun würden – auch eingedenk des Schicksals eines Bodyguards, der einen Brief über Houstons Zustand an ihre engen Vertrauten geschrieben hatte und daraufhin entlassen wurde.

Gewalttätiger Gatte

Eigenartig aber ist, dass Bobby Browns tätliche Attacke auf Whitney Houston im Jahr 2003 nicht erwähnt wird, die weltweit durch die Medien ging. Einen einsichtigen dramaturgischen Grund für diese Lücke gibt es nicht.

„Whitney – Can I be Me“ endet mit der nächsten, angekündigten Tragödie: dem Tod von Houstons Tochter Bobbi Kristina drei Jahre nach dem ihrer Mutter. Der Sendetermin ist an diesem Freitag, 17. Juli, 22.05 bis 23.45 Uhr, Arte.

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