Bonn /Berlin Germanistikstudent Ed (Jonathan Berlin) ist neu auf der Sehnsuchtsinsel der Ostdeutschen: Urlauber, die ihren von der Gewerkschaft FDGB organisierten Jahresurlaub in einem der Ferienheime verbringen, treffen dort auf Tagestouristen und Aussteiger, für die Hiddensee längst ein beliebter Rückzugsort ist. Gemeinsam mit ihnen lässt Ed die Kontrollen der nervösen Polizisten über sich ergehen, die die Ausweise sehen wollen. An der nächtlichen Küste beobachtet er die Soldaten und Scheinwerfer, die die Grenze sichern. Seine geplante Flucht über die Ostsee ins zum Greifen nahe Dänemark bläst er ab. So beginnt der Fernsehfilm zum Tag der Deutschen Einheit. Der Leipziger Regisseur Thomas Stuber, 2012 Gewinner des Studenten-Oscars und für seine Langfilme „Herbert“ und „In den Gängen“ mit dem Deutschen Filmpreis geehrt bzw. nominiert, verfilmte den preisgekrönten Roman „Kruso“ von Lutz Seiler. Dabei strich er die Rahmenhandlung und konzentriert sich auf die Ereignisse im Sommer und Herbst 1989. Das Drehbuch schrieb Thomas Kirchner, der bereits Uwe Tellkamps „Der Turm“ für das Fernsehen adaptierte. Die ARD strahlt „Kruso“ am 26. September um 20.15 Uhr aus.

Stuber bleibt dabei dem Roten Faden in seinem Werk treu; einmal mehr lässt er den Zuschauer in die Welt der körperlichen Arbeit eintauchen. „Zwei Drittel des Alltags verbringt der Mensch auf der Arbeit, er definiert sich darüber. Er findet darin seine Bestimmung, seine Würde, einen Grund zu leben“, begründet dies der Regisseur: „Daher fasziniert mich die tägliche Arbeit, die diese Menschen formt.“

Ed bleibt auf Hiddensee. Er findet eine neue Heimat in der Küche des Gasthauses „Zum Klausner“, wo oppositionelle Intellektuelle und Menschen, die für sich mit dem Staat DDR abgeschlossen haben, Arbeit und Wohnung suchen. Die Stasi hat ein Auge auf sie. Die Atmosphäre ist bleiern. Die Zeit scheint stillzustehen. Hier lebt auch der geheimnisvolle Kruso, Sohn eines sowjetischen Generals. Er jobbt in der Küche und lebt nach dem Motto „Wenn du die Freiheit nicht in dir findest, findest du sie nirgendwo.“

Doch in diesem Jahr verändert sich die Stimmung. Die Nische um Kruso zerbricht, weil unter den Tausenden, die die DDR über Ungarn und die Tschechoslowakei in Richtung Westen verlassen, auch Mitarbeiter des „Klausner“ sind, die nicht ersetzt werden können. Im November ist endgültig Schluss mit dem Gasthof und damit auch mit der Gemeinschaft. Ed schließt das „Klausner“, Kruso kehrt heim.

„Die Freiheit, die man sich in den Nischen der DDR-Gesellschaft erschaffen hat, war nur in ihnen möglich. In dem Moment, wo die gesellschaftliche Freiheit versprochen wird, verlieren sie automatisch an Wert und verschwinden“, erklärt Thomas Stuber seinen Ansatz.

Seiler und Stuber, der beim Mauerfall sieben Jahre alt war und kaum Erinnerungen an die DDR und die Wende hat, schufen mit „Kruso“ eine Allegorie um den Freiheitsbegriff. Der Film taucht ein in die Stimmung jener letzten Monate in der von einer Mauer eingeschlossenen DDR, in der viele Menschen das Gefühl hatten, der Letzte mache das Licht aus.

Kruso und seine Mitstreiter gehören zu jenen, die die friedliche Revolution anschoben und von einer demokratisierten DDR träumten. Aber sie gerieten nach dem Mauerfall schnell ins Abseits, angesichts des Drucks von der Straße und aus dem Westen, die Wiedervereinigung zu vollziehen.

Wie stets in seinen Filmen vertraut Stuber der Aussagekraft der Schauspieler und den Bildern; Dialoge verwendet er nur sparsam.

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