Frage: Sie stammen gebürtig aus Peheim im Landkreis Cloppenburg und haben zuletzt im Februar in Varel den Krimi „Sörensen hat Angst“ gedreht – wie oft sind Sie im Nordwesten zu Besuch?

Ratte-Polle: So einmal im Jahr bin ich da. Der Dreh in Varel, das war schön. Und für mich war das super, weil ich einen Abstecher nach Cloppenburg machen konnte, um meine Tante und Freundinnen zu besuchen.

Frage: Am 25. Juni erscheint nun erst einmal der Film „Der Geburtstag“. Schwarz-Weiß-Filme sind heute eher ungewöhnlich. Was hat Sie an dem Projekt gereizt?

Ratte-Polle: Zunächst ist das eine ganz, ganz tolle Geschichte. Schon das Drehbuch hat mich überzeugt und dann habe ich den Regisseur getroffen, Carlos A. Morelli, der aus Uruguay kommt. Ein ganz toller Regisseur. Ich habe selten so ein gut geschriebenes Drehbuch gelesen, so poetisch und mit einem guten Humor. Und natürlich ist Mark Waschke ein toller Kollege, mit dem man gerne zusammen vor der Kamera steht. Auch der Kameramann Friede Clausz ist wirklich sehr toll. Das sieht man dem Film natürlich an.

Frage: Spielt der Effekt des Schwarz-Weiß-Films dabei eine Rolle?

Ratte-Polle: Das sehe ich als Schauspielerin ja immer erst, wenn alles fertig ist. [lacht] Der Film ist wirklich wunderschön. Vieles wurde in einer Einstellung gedreht. Eigentlich geht es um eine alltägliche Situation, um eine Ex-Beziehung – aber durch die Einstellungen und die Erzählweise bekommt der Film seine Schönheit.

Frage: Und dazu kommen die von Ihnen erwähnten langen Einstellungen...

Ratte-Polle: ... Das ist eine sehr spezielle Arbeitsweise. In „Die Nacht singt ihre Lieder“ von 2004, mein erster Kinofilm, da wurde auch auf ähnliche Weise gearbeitet, damals noch auf Film. Zehn-Minuten-Einstellungen sind selbst für mich, obwohl ich viel Theater spiele, eine Herausforderung. Im Theater probt man sechs Wochen. Bei „Der Geburtstag“ hatten wir sehr wenig Zeit, wir haben die Szenen jeweils kurz ein paarmal durchgestellt und dann gedreht. Ich liebe experimentelle Arbeitsweisen. Dadurch kommt mehr künstlerischer Eigensinn in die Szenen. Deshalb mache ich ja hauptsächlich Theater oder Film. Dort ist es normal, eine eigene Arbeitsweise zu finden. Den Luxus hat man bei Krimis oder anderen Fernsehfilmen nicht so oft. Aber natürlich gibt es auch dort immer wieder Ausnahmen und ungewöhnliche Filme.

Frage: Wie läuft die Vorbereitung?

Ratte-Polle: Man probt die Szenen vor dem Dreh. Improvisation ist immer so ein Ding. Bei einer 10-minütigen Einstellung, muss man sich schon vorher festlegen, damit alles ins Bild passt. Es ist eine Choreografie. Da geht es auch um Exaktheit.

Frage: Nachdem Sie in „Es gilt das gesprochene Wort“, für den Sie den Bayerischen Filmpreis erhalten haben und für den Deutschen Filmpreis nominiert wurden, eine Pilotin dargestellt haben, übernehmen Sie nun die Rolle der (meist) alleinerziehenden Mutter. Wie sehen Sie die beiden Frauenfiguren?

Ratte-Polle: Sehr unterschiedlich! Die Pilotin kam mir vor wie eine Außerirdische. Sie war gar nicht mehr auf Bodenfühlung und wurde dann konfrontiert mit Beziehungen und kommt im Leben an. Anna wiederum ist komplett auf dem Boden und mitten im Leben. Sie hat eine andere Weiblichkeit und eine ganz andere Kraft. Sie kämpft für ihr Kind und für ein neues Leben. Sie ist eine praktische Frau – bodenständig praktisch. Das mochte ich sehr. Aber beide haben Humor – die Pilotin spielt damit und setzt ihn für sich ein. Anna ist am Kämpfen und wird dadurch komisch.

Frage: Im Film geht es, wie Sie bereits angesprochen haben, um ein Ex-Paar, dass eine Geburtstagsfeier für den gemeinsamen Sohn ausrichtet – und dabei den zuvor gehegten Erwartungen nicht gerecht wird. Wie sehr passt der Film auch zur aktuellen Situation?

Ratte-Polle: Das passt total. Man muss die Situationen im Leben nehmen, wie sie sind, im Notfall eben improvisieren und versuchen, trotzdem eine gute Zeit zu haben.

(Es ist ja eine ungewöhnliche Situation.) Der Vater macht eine außergewöhnliche Erfahrung – aber mit einem fremden Kind und findet dadurch zu seinem eigenen Kind. Es ist eine Situation außerhalb der Gewohnheit, so wie aktuell auch. Deswegen werden wir anders sensibilisiert. Wenn man das Gewöhnliche verliert und auf einmal kämpfen muss, lernt man etwas Neues.

Frage: Wie erleben Sie denn ganz persönlich die aktuelle Zeit?

Ratte-Polle: Ehrlich gesagt bin ich froh, mal zu Hause zu sein und zur Ruhe zu kommen. Das hat gut getan. Die Entschleunigung auch. Und auch die Natur hat sich erholt, was ich persönlich sehr schön finde. Vielleicht schüttelt sich die Erde gerade ein bisschen, um allen zu sagen: Bitte umdenken! Was auch toll ist, ist, dass es eine neue Form des Miteinanders gibt. Man ist sich wieder näher gekommen mit Freunden oder der Familie. Sonst hat man oft zu wenig Zeit – das war jetzt anders.

Ich finde nur das mit den Masken merkwürdig. Das ist für mich ein Widerspruch. Also ich respektiere alle neuen Vorsichtsmaßnahmen, aber gleichzeitig bin ich etwas skeptisch. Masken symbolisieren für mich, dass man für andere eine Gefahr ist. Da bin ich nicht so ganz dafür. Ich hoffe einfach, dass es eine Ausnahmesituation ist und nicht so bleibt. Denn das Wichtigste im Leben ist Vertrauen und, dass man keine Angst hat. Denn mit Angst arbeiten Leute, die Macht ausüben wollen. Vertrauen indes kräftigt Leute.

Ich habe übrigens die Zeit genutzt, um eine Sprache zu lernen: Französisch. Das brauche ich auch für einen neuen Film im nächsten Jahr. Dadurch hatte ich einen geregelten Tag.

Frage: Also hatten Sie auch viele positive Erlebnisse?

Ratte-Polle: Ja, auf jeden Fall. Ich bin sowieso nicht fest engagiert in einem Ensemble und muss mich daher immer selber strukturieren und organisieren – so hatte ich dafür jetzt in Ruhe Zeit.

Ellen Kranz Reporterin / Reportage-Redaktion
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