Varel /Emden An einem Hochsommertag vor genau 75 Jahren, am 23. Juli 1942, wurden die letzten Juden aus Ostfriesland vertrieben und in Konzentrationslager deportiert. Es waren 23 Bewohner des jüdischen Altenheims in der Klaas-Tholen-Straße in Emden, das man im Oktober 1941 geräumt hatte. Bis zu ihrer Deportation am 23. Juli 1942 lebten sie in einem kleinen Wohnhaus in Varel, in dem von 1937 an ebenfalls ein kleines Altenheim bestanden hatte. Dessen (Vareler) Bewohner waren bereits im Oktober 1941 deportiert worden.

Die 23 Juden wurden am 23. Juli 1942 nach Bremen gebracht und von dort mit 164 Juden aus Bremen mit dem Zug nach Hannover geschafft. Akribisch erforscht hat das alles der Vareler Historiker Holger Frerichs, der ein Buch über das Altenheim verfasst hat („Spurensuche: Das jüdische Altenheim in Varel 1937 bis 1942“, Verlag Hermann Lüers, Jever).

In nummerierten Waggons wurden sie eingepfercht, in Waggon Nr. 23 waren die Vareler, begleitet von dem letzten Heimleiterpaar Louis und Betti Wolff. In Hannover wurde ein Transport ins Konzentrationslager Theresienstadt zusammengestellt, 771 Namen umfasste die Transportliste. Es existiert sogar der Bericht einer Überlebenden, Margot Klingenberger (sie gehörte nicht zur Gruppe der Vareler/Emder Juden), die die entwürdigende Behandlung der Juden schildert: penible Untersuchung durch SS-Leute, Abgabe von Geld und Wertsachen, Transport in alten Waggons und Viehwaggons. Bekannt ist die Zugnummer (Da 75), die Fahrtstrecke über Hildesheim, Leipzig, Aussig, Lobositz bis Eger und der Bahnstation Theresienstadt-Bauschowitz. Dort starben 16 der Deportierten, manche schon nach wenigen Tagen. Sieben wurden weiter ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht, im Januar 1943 und dann noch im September 1944 und Oktober 1944. Sie wurden dort ermordet – umgebracht in der Gaskammer des Vernichtungslagers. Historiker Frerichs hat herausgefunden, mit welchen Zügen die Vareler/Emder Juden nach Auschwitz gebracht wurden: Betty Wolff (geboren 1884, nicht die Ehefrau des Heimleiters Wolff, die Betti hieß), Adolf Wolff und Meir van der Wyk gelangten mit einem Transportzug nach Auschwitz, der Theresienstadt am 23. Januar 1943 verließ. 147 Männer und 80 Frauen aus diesem Transport mit 2029 Juden wurden ins Lager einquartiert, die anderen 1802 wurden in die Gaskammer geschickt, darunter auch die drei aus Varel/Emden Stammenden.

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Ähnlich erging es später dem Heimleiter Louis Wolff (28. September 1944 aus Theresienstadt deportiert, 54 Jahre alt) und seiner Frau Betti (23. Oktober 1944). Sie starb im Alter von 46 Jahren. Im letzten von 25 Transporten aus Theresienstadt befanden sich Moses und Emma Wolffs (28. Oktober 1944). Moses Wolffs starb mit 71 Jahren in Auschwitz, seine Ehefrau 52-jährig.

In Varel bemerkten die Bürger von der Deportation am 23. Juli 1942 zumindest durch die öffentliche Versteigerung der Habseligkeiten aus dem Altenheim Schüttingstraße. Sie war in der örtlichen Tageszeitung, dem „Gemeinnützigen“, angekündigt worden. Am Montag, 31. August 1942, und am Dienstag, 1. September 1942, wurden Möbel, Betten, Matratzen, ein Damenrad, Öfen und ein Eisschrank angeboten und durch Auktionator Gustav Sasse versteigert. Von dem Erlös – 7200 Reichsmark – gingen 3971 Reichsmark an die Finanzverwaltung und 2928 Reichsmark an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.

In der zeitgenössischen Presseberichterstattung jener Tage dominieren dagegen die Siegesmeldungen vom Feldzug in der Sowjetunion. Im Juli 1942 waren die deutschen Truppen bis Rostow am Don gerückt, das nicht weit von Stalingrad entfernt lag, wenige Monate später Wendepunkt des Krieges.

Historiker Holger Frerichs hatte beharrlich nach Dokumenten der Deportation gesucht. Während die Gestapo-Akten weitgehend vernichtet wurden, hat die deutsche Bürokratie viele der Verbrechen an Juden „gespiegelt“, so finden sich Unterlagen in der Finanzverwaltung, in Bauakten, in Akten der Reichsbahn und in Entschädigungsakten, die nach dem Krieg geführt wurden.

Die Geschichte des Hauses in Varel ist damit noch nicht ganz vollständig erzählt. Nachdem das Haus geräumt war, nahm es der Reichsfiskus (Finanzverwaltung) in Besitz. Ab 1. November 1942 wurde es an einen Pferdeschlachter vermietet. Das Haus in der Schüttingstraße 13 (und zeitweise auch das benachbarte haus Nummer 15) hatte Ernst Weinberg (1899 - 1942) gehört, der aus einer jüdischen Familie aus Ostfriesland stammte. Weinberg bewohnte das Haus zusammen mit seiner unverheirateten Schwester Jette (1896 - 1941). Ab 1937 betrieb der Kleinunternehmer (er hatte unter anderem mit Fellen, Metall und anderen Rohstoffen gehandelt) im Haus Schüttingstraße 13 ein Altenheim. Die beiden Geschwister und vier Bewohner wurden am 22. Oktober 1941 über Emden ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz) gebracht. Dort starben Jette und Ernst Weinberg sowie drei weitere Vareler Juden. Eine Überlebende starb 1942 im Vernichtungslager Chelmno.

Nach dem Krieg, 1946, kehrte als einzige Vareler Jüdin Johanne Titz, Schwester von Ernst und Jette Weinberg, nach Varel zurück. Sie hatte überlebt, weil sie eine Ehe mit einem nichtjüdischen Mann geschlossen hatte. Sie machte Ansprüche auf das Haus geltend, das ihr als Erbin zustand. Die Rückgabe verzögerte sich bis 1953.

Und noch eine Geschichte um das Haus: Jahrzehnte lag auf dem Dachboden des Hauses Schüttingstraße 13 eine handgeschriebene Chronik zur Geschichte der jüdischen Schule in Emden. Der Emder Hauptlehrer W. Selig hatte sie 1889 begonnen. Entdeckt wurde die Chronik 1994 von den damaligen Besitzern bei Aufräumarbeiten. 22 Jahre lag sie in Duisburg, bis sie im vergangenen Jahr an den Arbeitskreis „Juden in Varel“ gelangte, der sie nach Emden zurückgab. Wahrscheinlich hatte sie Louis Wolff, der letzte Heimleiter des Altenheims, auf dem Dachboden in Varel hinterlassen.

16 starben in Theresienstadt – Sieben im Vernichtungslager Auschwitz

Deportiert wurden am 23. Juli 1942 aus dem Haus Schütting­straße 13 in Varel ins Ghetto Theresienstadt, Durchgangsstation für Transporte in Vernichtungslager im Osten (Geburtsjahr in Klammern, Todesdatum wenn bekannt):

Louis Wolff (1890; 1944 nach Auschwitz), Betti Wolff (1898; 1944 nach Auschwitz); Heimann Gloes (1851 - 2.10. 1942); Esther Nordheimer (1851 - 17.11.1942); Ellen Leffmann (1855 - 8.12.1942); Johanne Michaelis (1867 - 6.8.1942); Lazarus Nordheimer (1861 - 2.1.1943); Frumet van der Wyk (1862 - 27.9.1942); Hanni Valk (1863 - 5.6.1943); Friederike Weinberg (1863 - 18.11.1942); Sara Wolff (1863 - 5.1.1943); Rosalie Haag (1865 - 18.10.1942); Jacob Silberbach (1868 - 14.12.1942); Adelheid Cohn (1871 - 6.6.1944); Moses Wolffs (1873; nach Auschwitz 1944); Fanny Wolff (1874 - 15.2.1943); Bertha Wolff (1878 - 15.2.1943); Johanna Stein (1882 - 8.8. 1942); Betty Wolff (1884; 1943 nach Auschwitz); Emma Wolffs (1891; 1944 nach Auschwitz); Adolf Wolff (1891; 1943 nach Auschwitz); Meir van der Wyk (1901; 1943 nach Auschwitz); Emma Oss (1874 - 13.9.1943).

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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