Varel Nachdem durch Enteignung und Zerstörung in Deutschland nahezu kein einziger Betrieb mehr in jüdischer Hand lag, stellt sich die Frage, ob der Begriff „Wiedergutmachung“ für die Ausgleichszahlungen in den Jahren nach 1945 überhaupt als Wiedergutmachung bezeichnet werden kann.

Nicht nur, dass viele der neuen Eigentümer sich selbst als Opfer sehen wollten, wenn es um nachgelagerte Forderungen ging. Auch die Wertstellung der geleisteten Zahlungen muss zwingend den unterschiedlichen Situationen entsprechend gerechnet werden. Waren vor der Vertreibung viele Betriebe am Aufbau und der Industrialisierung maßgeblich beteiligt, so galten doch dieselben Betriebe in den Nachkriegsjahren als gebeutelte Stütze des Wiederaufbaus.

So kann eine einzelne Firmengeschichte aus dem hohen Norden Deutschlands als Beispiel unzähliger weiterer Historien wie folgt veranschaulichen, was vielfach Alltag war: Im Rahmen des Bundesentschädigungsgesetzes sollte im Fall der „Leder-Schwabes“ der zweite Komplex Anwendung finden. Überall dort, wo jüdischen Familien die Habe (Betriebe, Gebäude) käuflich abgenommen worden war, wurde überprüft, ob der jeweilige Kaufpreis angemessen gewesen war.

Da es sich bei den Käufern des Unternehmens Schwabe um einfache – politisch also nicht hochrangige – Personen handelte, argumentierten diese, in keiner Weise von der politischen Notlage der Verkäufer gewusst zu haben. Wie viele der „arischen“ Neueigentümer sahen sie sich in dieser Situation sogar selbst als Opfer, hatten sie doch, so ihre Meinung, den Betrieb legal käuflich erworben und weitergeführt.

Das Umfeld in Varel, welches dem Nationalsozialismus bereits seit 1930 große Zustimmung entgegenbrachte, stützte diese Haltung, weshalb eine jüdische Rechtshilfeorganisation feststellte: „Gerade in einem Ort wie Varel herrschte eine allgemeine Stimmung gegen die Wiedergutmachung im Allgemeinen und sicherlich auch gegen den Antragsteller im Besonderen.“

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