Oldenburg Das Internet steht vor einer Revolution, einer großen Umwälzung, an deren Ende kein Stein mehr auf dem anderen steht: Milliardenschwere Netzgiganten wie Google, Facebook oder Amazon werden zum Schafott geführt, von den Nutzern des Netzes. Das Volk erobert sich die Hoheit über seine Daten zurück, und jeder Einzelne hat nur so viel Macht wie sein Nachbar. Das Internet wird freier, demokratischer – und nebenbei auch noch günstiger und schneller. All das dank der Blockchain-Technologie.

Soweit zur Utopie. Ob uns in den nächsten Jahren tatsächlich ein von Grund auf geändertes Netz, ein sogenanntes „Web 3.0“ erwartet, steht in den Sternen. Fest steht jedoch, dass schon heute Tausende Entwickler weltweit daran arbeiten. Und dass sich große Namen des Geschäfts dieser Entwicklung nicht entziehen können, wollen sie nicht zur bloßen historischen Fußnote werden.

Blockchain: Bitcoin macht den Anfang

Münzen mit dem Aufdruck "Bitcoin" – in der Realität kommt die Kryptowährung natürlich gänzlich ohne Metall aus. Foto: Jens Kalaene/dpa

Im Mittelpunkt steht die Blockchain, die den meisten im Zusammenhang mit der Kryptowährung Bitcoin ein Begriff sein dürfte. Sie machte 2009 den Anfang, inmitten der Finanzkrise. Ein Entwickler oder eine Entwicklergruppe unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto entwickelte das Konzept einer Kryptowährung, die unabhängig vom Bankensystem nutzbar sein sollte. Sie basiert auf der Blockchain – eine Art gigantisches Kassenbuch, in dem jede einzelne Bewegung der Bitcons verzeichnet wird. Je eine Kopie des „Kassenbuchs“ ist auf Tausenden Rechnern abgespeichert, die untereinander abgeglichen werden. Eine einseitig manipulierte Kopie wird in der Blockchain nicht akzeptiert – was das System immun gegen Hackerangriffe und Diebstahl macht.

Doch auf einer Blockchain lässt sich noch viel mehr speichern. Und das könnte tatsächlich revolutionäre Ausmaße annehmen. Nutzerdaten, Inhalte, Zahlungen, ja sogar Apps und Anwendungen, würden nur noch dezentral – also in einem riesigen Rechnernetz – abgespeichert, und nur der Nutzer selbst hätte darauf Zugriff. Niemand würde mehr seine Daten kostenfrei an eine Firma abtreten müssen, die damit den dicken Reibach macht.

Kraftvolles Mittel gegen Datendiebe

Auch der Zugriff durch Hacker würde erschwert bis unmöglich gemacht. Denn was einmal in einem von Tausenden Rechnern kontrollierten Netz festgeschrieben und verschlüsselt ist, das bleibt auch dort. Datendiebstähle im großen Stil dürften mit der Blockchain der Vergangenheit angehören – was allerhöchste Zeit wäre. Denn seit 2013 sind in circa 5000 Datenlecks weltweit beinahe 10 Milliarden Dateneinträge gestohlen worden.

Und niemand – zumindest keine einzelne Firma – könnte Kontrolle über die Inhalte, zum Beispiel von sozialen Netzwerken, ausüben: keine Algorithmen würden Beiträge mehr oder weniger sichtbar machen, keine Zensurbehörde der Welt könnte indirekt in die Timelines der Nutzer eingreifen und Beiträge sperren oder löschen lassen. Allein die Nutzer – so ist die Idee des auf der Blockchain basierenden sozialen Netzwerks Steemit – würden über die Inhalte ihre Plattform bestimmen, indem sie die Beiträge bewerten.

Und auch die Webseiten selbst wären nicht mehr zentral auf einem Server gespeichert, sondern könnten dezentral auf mehreren Rechnern im Netz aufbewahrt werden. Das würde es Regierungen weltweit schwieriger machen, gegen unliebsame Internetseiten vorzugehen. Dissidenten in autoritär regierten Ländern dürften die Blockchain-Technologie lieber heute als morgen im großen Stil im Einsatz sehen.

Frontalangriff auf Facebook, Spotify und Co.

Etablierte Firmen könnten also überflüssig werden – seien es soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter, Anbieter virtueller Datenspeicher wie Dropbox und iCloud, Videoplattformen wie YouTube oder Musikstreaming-Dienste wie Spotify und Apple Music. Genauso wie sich die Bitcoin-Pioniere eine Finanzwelt ohne Banken erhoffen, könnte die Blockchain auch in anderen Geschäftsbereichen des Internets den Mittelsmann, also die Firma, die mit den Daten und Inhalten der Nutzer Geld verdient, ausschalten und somit die Macht über das Netz wieder den Nutzern zurückgeben.

Apps, die auf Basis der Blockchain laufen, sind zurzeit vielfach nur in einer internen Testversion online oder ohne eine spezielle Software gar nicht nutzbar. Bevor sich das nicht ändert, wird die Welt auch noch auf die erste „Killer-Anwendung“ warten müssen: die App, die der neuen Technologie zum Durchbruch verhilft und zum Standard macht.

So wird die Blockchain heute schon genutzt

Livedaten-Erfassung der Ethereum-Blockchain in Berlin. Foto: Jens Kalaene/dpa

Vergleichsweise unbemerkt von der Öffentlichkeit hält sie aber auch heute schon Einzug mit Auswirkungen auf die reale Welt: So bezahlen syrische Flüchtlinge in jordanischen Supermärkten durch einen Scan ihrer Augen. Das unverwechselbare Muster ihrer Iris, ihr Kontostand und Angaben zu ihrer Identität sind auf einer Blockchain gespeichert. Das UN-Welternährungsprogramm hatte das Projekt ins Leben gerufen, nachdem mit den vorher eingesetzten Gutscheinen ein reger Schwarzhandel entstanden war. Eine Bank ist nicht involviert, die Kosten sinken erheblich.

Meldungen solcher Einsatzmöglichkeiten häufen sich: In Moskau soll die Zuteilung von Ständen auf den wöchentlichen Bauernmärkten im kommenden Jahr in der Blockchain gespeichert werden. Die Daten sind öffentlich einsehbar und vor allem unveränderbar festgeschrieben. Und in Kambodscha will die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam mit der Blockchain Reisbauern dabei helfen, den Weg ihres Produktes über die Zwischenhändler transparent nachzuverfolgen und dafür faire, vorher festgelegte Preise zu erhalten.

Herausforderungen der Blockchain-Technologie

Das Internet-Utopia steht in den Startlöchern, und einige Läufer sind bereits losgeprescht. Vielleicht zu schnell – dann droht ein Krampf oder eine Muskelverletzung. Die Ziellinie ist jedoch noch weit weg. Bis dahin müssen einige Probleme gelöst werden: Wie kann der hohe Energieverbrauch von solchen Rechnernetzen eingedämmt werden? Kleine Blockchains mit wenigen Rechnern sind noch vergleichsweise langsam und teuer, was wiederum eine Einstiegshürde für neue Plattformen sein könnte. Und Anwendungen, die auf der Blockchain laufen, sind auch dann festgeschrieben und unveränderbar, wenn sie Fehler oder Schlupflöcher für Hacker enthalten.

Bekommen die Blockchain-Entwickler diese Probleme in den Griff, könnte tatsächlich etwas ins Rollen kommen und das Web 3.0 zum Standard werden. Es würde dem Web 2.0 folgen, dem interaktiven Netz, in dem einige wenige Firmen die Hoheit über Inhalte und Daten besitzen, die Milliarden Nutzer ihnen kostenfrei zur Verfügung stellen. Ob die großen Platzhirsche dann aber der Vergangenheit angehören werden? Zumindest investieren sie Zeit und Geld (und davon haben sie jede Menge), um herauszufinden, wie die Blockchain genutzt werden kann – damit die eigene Stellung erhalten bleibt.

Christian Schwarz
Redakteur
Online-Redaktion

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