Berlin „Da ist Diana.“ „Amelie ist auch da.“ „Hier werden schon viele erste Hände gehoben.“ „30 Sekunden warten wir noch.“ Klingt nach einer der vielen täglichen Video-Konferenzen von Unternehmen in der Corona-Pandemie. Falsch. Könnte auch ein Instagram-Sternchen sein, das gerade ein Live-Video gestartet hat. Falsch. Es sind Eindrücke aus dem Clubhouse.

Falls sich jemand fragt, ob es doch noch offene Clubs in der Pandemie gibt - keine Sorge, der Wissensvorsprung ist noch nicht so groß. Clubhouse, eine Social-Media-App aus den USA, erlebt gerade in Deutschland einen Hype. Obwohl es sie schon seit April 2020 gibt. Salopp gesagt: Sie ist gerade das neue heiße Ding. Auf Twitter sprechen seit dem vergangenen Wochenende gefühlt alle von Clubhouse. Viele laden die App runter. Wie lange wird der Wirbel andauern?

Clubhouse-Talk über Politik, Job oder Pandemie

Der Moderator, der sich mit Diana, Amelie und weiteren Leuten am Mittwoch zusammengeschaltet hat, bringt es wohl auf den Punkt: „Ich mache das seit vorgestern.“ „Ich bin maximal überfordert.“ Im Talk „Mittag im Regierungsviertel“ sprechen Leute über Politik (SPD-lastig), Job, die Pandemie und Mittagessen: Ein Teilnehmer berichtet von Falafel und Schoko-Nuss-Muffins. Das sind Lockerungsübungen. Danach entspinnt sich eine tiefere politische Debatte.

Sehen kann man die Leute dabei nicht, nur das Profilfoto ihres Accounts. Clubhouse ist eine Audio-App. Hunderte hören zu, zeitweise sind es bei diesem Talk mehr als 1500. Sie können ein Handzeichen einblenden und dann vom Moderator in das Gespräch eingebunden werden. Dieser Talk ist offen, es gibt aber auch andere „Räume“, die privat sind. Da kann man zum Beispiel zu zweit telefonieren.

Die ersten Schritte in der App sind irgendwie ein bisschen aufregend. Um überhaupt ins Clubhouse zu gelangen, muss man zwei Hürden überwinden. Zum einem muss man ein iPhone haben. Für Android wird die App noch nicht angeboten. Und man braucht eine Einladung. Also ein Türsteher-Prinzip: Du kommst hier nicht rein! Wirkt ein bisschen wie das Berghain der Social-Media-Welt.

Cleveres System steigert das Interesse

Die Macher der App haben sich ein cleveres System überlegt, damit sich Clubhouse viral verbreitet. Und das ist paradoxerweise die künstliche Verknappung. Das verleiht ihr einen gewissen elitären Anstrich. Viele sind aber schon da: Politiker, Medienschaffende, Prominente, Social-Media-Nutzer, Influencer, Marketingleute. Nach einer erfolgreichen Anmeldung erhält man die Möglichkeit, wiederum zwei weitere Bekannte einzuladen. Seit der Corona-Pandemie hat sich überall herumgesprochen, was eine so hohe Reproduktionszahl bedeutet. Bei einem maximal möglichen R-Wert von 2 steigt die Ausbreitung exponentiell an, das gilt für Apps genau so wie für das Coronavirus. Allerdings verschicken nicht alle Anwenderinnen und Anwender ihre „Free Invites“.

Der Journalist Richard Gutjahr sagte der dpa, die App sei weit mehr als ein Hype. „Sie kommt genau zur richtigen Zeit.“ Clubhouse ist für den Medienexperten „die Antwort auf eine Gesellschaft, die sich nach einem knappen Jahr gefühlter Isolationshaft geradezu verzehrt nach alltäglichen Büroküchen-Smalltalk.“ Weil die App so einfach zu bedienen sei, vergesse man schnell, dass man nur virtuell zusammengeschaltet sei. „Schließt man die Augen könnte man fast meinen, man steht mit Kollegen mit einem Gin Tonic in der Hand irgendwo an einer Hotelbar.“

Gutjahr stört sich aber wie viele andere daran, dass die Anwender bei der Einrichtung der App aufgefordert werden, Clubhouse alle Einträge aus dem Adressbuch zur Verfügung zu stellen. „Dass die App in ihrer aktuellen Version eklatante Datenschutzmängel aufweist und deshalb in der EU niemals hätte starten dürfen, scheint aber offenbar niemanden zu stören - die Macher schon gar nicht.“ Das gelte aber genauso für Whatsapp. „So gesehen muss man fast schon froh sein, dass es überhaupt neue Alternativen zu Facebook und Google gibt.“

Clubhouse stellt es den Nutzern immerhin frei, ob sie die Kontaktdaten aus dem eigenen Adressbuch hochladen wollen oder nicht. „Daher ist bei der App selbst in dieser Beziehung kein Verstoß gegen das Datenschutzrecht festzustellen“, sagt der Medien-Fachanwalt Christian Solmecke.

Immerhin ist Datenschutz für die Clubhouse-Macher kein Fremdwort. Im Web verweisen sie unter anderem auf die neue Datenschutzverordnung in Kalifornien. Doch die Spielregeln in Europa werden ignoriert. Es wird kein fester Ansprechpartner für Datenschutzfragen genannt. Es bleibt auch im Vagen, was aufgezeichnet wird und wie lange es gespeichert wird. Unklar ist auch, wie man als Anwender an seine eigene Daten wieder rankommt. Das schreckt die Userinnen und User aber nicht ab.

Bloß pünktlich zum Treffen sein

Was anders zu weiteren Sozialen Netzwerken ist: Zu spät kommen wird bei Clubhouse bestraft. Der Versuch, rund eine Stunde später in einen für 14.00 Uhr angesetzten Talk zur Amtsübergabe von Trump an Biden in den USA zu kommen, scheitert am Mittwoch. Die App zeigt an: Raum steht nicht länger zur Verfügung. Öffentlich zugängliche Aufzeichnungen von den Gesprächen gibt es nicht. Im Gegensatz zu Twitter & Co. kann man Beiträge auch nicht schriftlich kommentieren oder „Likes“ vergeben. Eine Art Mini-Kalender kündigt in der App die kommenden offenen Talks an.

Deutsche Medienhäuser beobachten auch die neue App. Viele Medienschaffende haben schon einen eigenen Account. Zum Beispiel der Chefredakteur von Zeit Online, Jochen Wegner. Er sagte der dpa am Donnerstag: „Ich war spontan ziemlich begeistert.“ Das fühle sich endlich einmal wieder wie eine neue und logische Erweiterung der bestehenden Online-Angebote an. „Clubhouse vermittelt ein Gefühl, das ich gerade in Pandemiezeiten sehr vermisst hatte.“ Was ihm derzeit fehle, sei zum Beispiel der informelle Austausch mit flüchtig Bekannten am Rande von Veranstaltungen. „Und das alles finde ich plötzlich dort“, sagte Wegner über Clubhouse. „Ich kann Leute dort zufällig treffen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe und die ich nie einfach so kontaktieren würde, die mir aber durch den Algorithmus reingespült werden.“

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