DELMENHORST DELMENHORST - Heinrich Caspers schaut sich suchend um: „Wo ist denn schon wieder meine Kaffeetasse?“ Marion Rose guckt kurz im Umkleide- und Schminkraum des Kleinen Hauses umher und zuckt dann mit den Achseln. „Naja, ist auch egal“, beenden die beiden sehr schnell ihre halbherzige Suchaktion. Denn jetzt gibt es Wichtigeres. Es ist 19.40 Uhr – in 20 Minuten beginnt „Hexenschuss“, das Boulevard-Stück des Niederdeutschen Theaters Delmenhorst (NTD), bei dem Caspers und Rose gemeinsam Regie führen.

Die Vorbereitungen begannen bereits um 16.30 Uhr. Zunächst wurden die Kulissen aufgestellt. Unter sachkundiger Anleitung der Bühnenbauer Axel Uhlhorn und Henry Sachtje packt jeder mit an: reintragen, aufstellen, verschrauben – in 90 Minuten entsteht eine nette kleine Wohnung. Uhlhorn und Sachtje überprüfen noch schnell Türklingel und Telefon: alles bestens.

19.45 Uhr: Die Stimmung des Laien-Ensembles ist gut, der Flachs blüht. Dennoch ist deutlich spürbar, dass die Anspannung langsam steigt – und darauf reagiert jeder Schauspieler anders: Hauptdarstellerin Elke Seevers spaziert pausenlos auf und ab. Andreas Giehoff sitzt dagegen seelenruhig auf seinem Platz und geht den Text noch einmal durch. Martina Meinken strickt. Und Peter Eggert, dem nach eigenen Angaben „etwas flau im Magen ist“, steckt sich trotzdem noch schnell eine Zigarette an. „Das geht heute noch mit der Nervosität“, flüstert Marion Rose. „Bei der Premiere war das noch viel, viel schlimmer.“

Andreas Härtel sieht nicht nervös aus. Er ist verantwortlich für die Helligkeit der Beleuchtung und den Lichtwechsel. Rund 30 Mal muss er im exakt richtigen Augenblick die Lichtregler bewegen, damit sich die Augen der Zuschauer stets auf den wichtigen Teil der Bühne richten. „Bisher hat eigentlich immer alles geklappt“, sagt Härtel ruhig. Der Mann hat offensichtlich alles im Griff.

19.50 Uhr: Es wird Zeit für ein Ritual. Alle Mitglieder des Ensembles umarmen sich und spucken sich dreimal – trocken – über die Schulter. Das bringt Glück. „Bei anderen Theatern gibt es diesen Brauch nur vor der Premiere, aber wir hier in Delmenhorst machen das vor jeder Aufführung“, erklärt Caspers. Ute Thiemann, zuständig für die Maske, zupft noch schnell einige Fusseln von Giehoffs Piloten-Kostüm, dann geht’s ab nach oben in Richtung Bühne. Nur Anneliese Moikow bleibt im Kellergeschoss und klettert über sechs Holzstufen in ihre kleine Souffleusen-Kammer.

Nun sind es noch fünf Minuten. Seevers läuft immer noch auf und ab. Meinken tut es ihr gleich und murmelt dabei ihren Text vor sich hin. Und Heiko Petershagen verzieht sich noch einmal blitzschnell in Richtung Toilette. Auch Heinrich Caspers und Marion Rose wirken nun ein klein wenig angespannt: Er tritt von einem Fuß auf den anderen; sie dreht sich auf einem kleinen Klavier-Stuhl im Kreis.

Um 20 Uhr beginnt die Vorstellung, um 22.15 Uhr ist sie zu Ende. Alles hat bestens geklappt. Das Publikum klatscht begeistert, die Darsteller müssen gleich mehrfach auf die Bühne, um sich zu verbeugen. Die Kombination aus Applaus, Zufriedenheit und ein wenig Stolz ruft bei allen Beteiligten ein Glücksgefühl hervor.

Und noch eine gute Nachricht: Heinrich Caspers hat seine Kaffeetasse wiedergefunden: „Muss ich aus Versehen irgendwann hinter der Bühne stehen gelassen haben“, grinst er. Kann ja mal passieren – bei all der Aufregung.

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