Frage: Die ev. Stadtkirche und das Breite Bündnis gegen Rechts Delmenhorst laden zu einer Lesung der Rechtsextremismusexpertin Andrea Röpke ein. Wieso ist diese Veranstaltung wichtig?
Hans-Joachim Müller: Weil das Thema die fast nicht zu bemerkende Durchdringung der Gesellschaft mit rechtem Gedankengut betrifft. Andrea Röpke und Andreas Speit, die das Buch „Völkische Landnahme: Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“ verfasst haben, weisen eindringlich auf diese Gefahr hin. Speziell in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in Gebieten Niedersachsens wie im Wendland und in der Lüneburger Heide, lassen sich Anhänger der rechten „Völkischen Landnahme“ nieder, um die Dörfer mit ihrem Gedankengut zu beeinflussen.
Frage: Weshalb sind diese „völkischen Siedler“ eine unterschätzte Gefahr?
Müller: Rechtsextreme siedeln sich an, um generationsübergreifend „nationale Graswurzelarbeit“ zu betreiben. Junge kinderreiche Familien, die so aussehen wie linke Ökos, pflegen den Gemeinsinn, sind naturverbunden und sympathisch. Gleichzeitig infiltrieren sie Dörfer und Gemeinden mit rechtsextremem Gedankengut. Die Aussteiger von rechts betreiben ökologische Landwirtschaft, pflegen altes Handwerk und nationales Brauchtum, organisieren Landkaufgruppen und eigene Wirtschaftsnetzwerke, die bundesweit agieren. Sie bringen sich in örtlichen Vereinen ein und gehen in die lokale Politik, um Umweltschutz mit „Volksschutz“ und „Heimatschutz“ zu verbinden. Oft stammen diese Aktivisten aus verbotenen rechtsextremen Jugendorganisationen. Sie wollen, wie die Vordenker der Neuen Rechten es nennen, den „vorpolitischen Raum“ besetzen, um die Gesellschaft dauerhaft zu verändern.

Citykirche ist Bündnispartnerin

Zur Lesung gegen Rechts mit Andrea Röpke laden die Ev. Stadtkirche und das Bündnis gegen Rechts im Rahmen der Citykirchenarbeit für Dienstag, 1. Oktober, 19 Uhr, in die Stadtkirche Delmenhorst ein.

Dr. Hans-Joachim Müller gehört zum Sprecherrat des Breiten Bündnis gegen Rechts, das sich 2010 in Delmenhorst gründete. Die Ev. Kirchengemeinde Stadtkirche ist Bündnispartnerin.

Frage: Waren wir zu lange auf dem rechten Auge blind?
Müller: Gewisse Organe sicherlich. Das zeigt sich an dem unsäglichen Versagen der staatlichen Organe bei den NSU-Morden. Wenn man den Worten des Innenministers glaubt, hat sich das jetzt geändert …
Frage: Sind völkisches Gedankengut und Rechtssein gesellschaftsfähig geworden?
Müller: Die Neue Rechte etabliert sich in gewissen Kreisen der Gesellschaft. Es ist wichtig, dass die Zivilgesellschaft aufmerksam bleibt. So sollte die Affäre um den Delmenhorster AfD-Ratsherrn Rainer Kutz, der bei einem Atlasspiel ein Shirt mit Aufdruck der rechtsextremen Borussenfront trug, auch als Zeichen der schleichenden Infiltrierung mit dem Gedankengut der Rechtsextremen wahrgenommen werden. Den Verharmlosungen des AfD-Politikers darf nicht geglaubt werden. Das ist reine Strategie.
Frage: Was muss die Zivilgesellschaft tun, um rechte Strömungen zu unterbinden?
Müller: Sie muss wachsam sein und den schleichenden Infiltrierungen mit dem rechten Gedankengut entschieden entgegentreten. Das Engagement möglichst vieler aus allen Teilen der Gesellschaft ist dabei entscheidend, damit wir die Vorzüge der Demokratie weiter leben können.
Frage: Welches Engagement gegen Rechtsextremismus gibt es in Delmenhorst?
Müller: Die Formen sind sehr vielfältig. Durch Infoveranstaltungen wird die Öffentlichkeit erreicht, um das Wesen der „Neuen Rechten“ bekannt zu machen. Möglichst keiner soll sagen können: „Das habe ich nicht gewusst!“ Die Bündnispartner stehen bei Demonstrationen auch gemeinsam auf.
Frage: Was sollten die Besucher der Lesung mit nach Hause nehmen und weitertragen?
Müller: Wachsam bleiben bei schleichender Infiltrierung mit rechtem Gedankengut, dagegen aufstehen und Flagge zeigen für Demokratie!
Nathalie Meng Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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