Delmenhorst Eine halbe Stunde später als geplant, stiegen am Donnerstagabend die Sprecher der Podiumsdiskussion zum Thema „Sehnsucht Europa? – Eine Frage der Perspektive“ auf die Bühne im Nordwestdeutschen Museum für Industrie-Kultur in Delmenhorst. Die einführenden Worte sprach der Museumspädagoge Bernd Entelmann vor rund 20 Besuchern. Die Diskussionsrunde bestand aus Theo Lampe vom Diakonischen Werk Oldenburg, Regina Hewer vom Kinderhilfswerk Terre des Hommes, Vahap Aladag, Vorsitzender des Integrationslotsenteams Delmenhorst und Maisam Hassanzada, der 2016 aus Afghanistan nach Europa geflohen war.

Titel steht zur Diskussion

Das Impuls-Referat von Theo Lampe stellte zunächst klar, dass die Formulierung des Titels mit einem Fragezeichen eine bewusste Entscheidung war: „Ich will den Sehnsuchtsort Europa auch zur Diskussion stellen.“ Wichtig sei seiner Ansicht nach, dass bei Gesprächen über das vielschichtige und komplexe Thema der Migration reflektiert würde, aus welcher Perspektive und aus welchem Blickwinkel es betrachtet und verhandelt würde.

Migration und Integration

„Migration ist untrennbar verwoben mit dem Aspekt der sogenannten Integration“, stellte Lampe heraus. Und auch, dass sich Europa (und speziell Deutschland) schwer tue mit der Tatsache, eine Einwanderungsregion, ein Einwanderungsland zu sein – „auch wenn das eigentlich schon immer so war.“ Dabei müsse man sich klarmachen, dass vor allem die Binnenmigration – also diejenige, die innerhalb der europäischen Grenzen geschieht – von großem Wert für Europa und für Deutschland sei. Lampe spielte dabei auf eine begriffliche Finesse an: „Gerne wird das Umherziehen innerhalb Europas dann nicht als ,Migration’ sondern als ,europäische Mobilität’ bezeichnet, bekommt somit einen viel positiveren Beigeschmack.“

Differenzierte Auseinandersetzung

Nach wie vor ist in Lampes Augen eine Zweiteilung derer, die migrieren, zu beobachten: „Es gibt die ,guten’ Migranten und diejenigen, die scheitern, abgewertet werden.“ Er plädierte dafür, sich differenziert mit dem Thema der Migration auseinanderzusetzen und sich umfassend zu informieren. „Täten das mehr Menschen, dann wüssten sie, dass das weltweit größte Migrationsgeschehen keinesfalls in Europa stattfindet, sondern in Asien und Afrika.“

Lampe kam zurück auf die im Titel der Veranstaltung erwähnte Sehnsucht. „Sie ist der Motor für Migration, der Grund für einen Aufbruch. Schaffen diese Menschen, dann eine Integration an ihrem Zielort, so lässt sich das als Sehnsuchtserfüllung beschreiben.“ Integration, so hob Lampe deutlich hervor, sei eindeutig nicht als einseitige Anpassungsleistung zu verstehen, die die Ankommenden zu erbringen hätten. „Wir alle sollten uns fragen, was wir tun können“, motivierte er die Zuhörenden.

Sehnsucht Ja, aber...

Maisam Hassanzada konnte am Donnerstagabend diese These nur zum Teil unterstützen. „Mein Ziel damals war nicht Europa, war nicht Deutschland, war nicht Delmenhorst. Mein Ziel war überleben“, sagte der junge Afghane eindrücklich. Er habe sich in seinem Heimatland für Menschen- und Frauenrechte eingesetzt, habe studiert und Vorträge gehalten. „Ich wurde bedroht, ich musste weg. Da war keine träumerische Sehnsucht nach einem anderen Land. Ich dachte jede Sekunde, ich würde sterben.“ Von Oktober 2015 bis Januar 2016 dauerte diese kräftezehrende Flucht, seit Februar ist Hassanzada in Delmenhorst. Deutlich sagte er, dass er – entgegen der landläufigen Meinung – zurück in sein Heimatland gehen würde, sobald sich dort etwas verbessert hätte. „Aber es ist nicht sicher. Und das ist für mich dann nicht Heimat. Heimat bedeutet für mich, dass man sich frei äußern und bewegen darf.“ Diesbezüglich habe er Sehnsucht nach Veränderung und einen Wunsch nach Normalität.

Zum Thema der Beheimatung sprach auch Regina Hewer. In ihrer täglichen Arbeit sei ihr aufgefallen, dass diese häufig dann gelänge, wenn die Diskrepanz zwischen den vorher geschürten Erwartungen und den tatsächlich vorgefunden Begebenheiten nicht allzu groß sei.

Integration gelungen

 Einig waren sich die Sprecher des Podiums, dass trotz hitziger Debatten Integration in den letzten Jahrzehnten gelungen sei. Doch Lampe machte deutlich, dass sie künftig schneller, effektiver vonstatten gehen müsste. „Integration braucht Integrationskurse, aber in diesen Kursen findet keine Integration statt.“ Die gebe es nur durch persönliche Kontakte.

Stolz auf Delmenhorst

Bestätigen konnte dies Vahap Aladag. Er kam in den 80-er Jahren aus der Türkei nach Deutschland, machte hier Urlaub. „Dann habe ich mich verliebt und bin geblieben. Das war vorher nicht so geplant.“ Heute sei er verheiratet mit einer Deutschen und sagt von sich: „Ich bin Delmenhorster und stolz darauf.“

Richtung Ende der Veranstaltung forderte der Moderator Andreas Becker auch das Publikum auf, sich zu den angesprochenen Thesen und Schilderungen zu äußern. Vor allem zu politischen Fragen und Streitpunkten stand das Podium Rede und Antwort.

Imke Harms Reporterin / Redaktion Wildeshausen
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