Delmenhorst Und dann muss Ali Can selbst erst einmal nachdenken: Gut zwei Stunden lang brachte der 25-jährige Aktivist, Autor und – wie er sich selbst bezeichnet – „Asylbewerber Ihres Vertrauens“ am Mittwochabend in der Delmenhorster Markthalle die Zuhörer mit Erzählungen über seinen Umgang mit Menschen anderer Meinungen zum Nachdenken.

Die Frage, was die Besucher mit nach Hause nehmen sollen, kann er so einfach nicht beantworten. Er wünsche sich, dass sie sich damit auseinandersetzen, was sie nicht kennen, seien es andere politische Haltungen oder Menschen anderer Herkunft. „Wir müssen in unserem eigenen Umfeld eine wertschätzende, respektvolle Streitkultur etablieren und sie anderen vorleben“, sagt Ali Can.

Eingeladen zur Demokratiekonferenz des Diakonisches Werk Delmenhorst/Oldenburg-Land wurde Ali Can von Anette Melerski und Annika Uhrbach von der Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“. Ali Can kam im Alter von zwei Jahren mit seiner kurdisch-alevitischen Familie aus dem Südosten der Türkei nach Deutschland. 2016 machte er eine Tour durch Ostdeutschland, besuchte Orte, die oft mit Fremdenfeindlichkeit in Verbindung gebracht werden, und suchte – unter anderem auf Pegida-Demonstrationen – das Gespräch mit jenen, die ihm als Migranten kritisch gegenüber stehen. Mit Erfolg: Jenseits von politischen Überzeugungen gelang es ihm, auf menschlicher Ebene bei einigen „anzudocken“.

Nach seiner Reise stellte er eine „Hotline für besorgte Bürger“ ins Netz, bis heute telefoniert er mit Menschen, die eine grundsätzlich andere Meinung als er vertreten. „Sonst bin ich als Migrant derjenige, über den gesprochen wird. Es ist doch gut, wenn sie mit mir sprechen“, so Ali Can.

Das Vertrauen der Andersdenkenden gewinnt er, indem er zuhört, sich Zeit nimmt, mit ihnen auf Augenhöhe spricht. Denn, so Ali Cans Überzeugung: Wer eine wertschätzende Haltung von anderen einfordert, muss ihnen diese selbst entgegenbringen. „Das mit dem erhobenem Zeigefinger hat noch nie funktioniert“, sagte er.

Klar, sagt Ali Can am Mittwoch, es sei ein Drahtseilakt, jemandem, der anderen Respekt abspricht, respektvoll zu begegnen und ihm dabei dennoch nicht zu viel Raum zu geben. Aber: „Wir müssen es schaffen, mit denen, die nicht unserer Meinung sind, zu sprechen und sie als Individuen zu sehen, nicht als Vertreter einer Gruppe. Andernfalls riskieren wir eine Kultur der Polemik.“

Er habe Mut gemacht, sagt eine ältere Dame nach dem Vortrag zu Ali Can. Damit spricht sie sicherlich für viele.

Hier zur Homepage von Ali Can.

Nathalie Meng Redakteurin / Online-Redaktion
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