Cloppenburg /Kassel Obwohl nicht mehr gearbeitet wird, haben die Menschen mit Handicap weiter einen sozialrechtlichen Anspruch auf „Leistungen zur Teilhabe“, müssen also betreut, begleitet und versorgt werden. Doch dafür fehlt den Arbeitsstätten oft ad hoc das Fachpersonal. Jetzt wird improvisiert.

Doppelt tragisch sind die Einschränkungen für die Caritas in Altenoythe im Oldenburger Münsterland. Die „Soziale Arbeitsstätte (WfbM)“ hatte - ganz auf der Höhe der Zeit - gerade begonnen, dringend benötigte Schutzmasken für medizinisches Personal herzustellen. Jetzt seien Teile der Einrichtung für die Beschäftigten geschlossen, heißt es auf Anfrage. Nun müssten die eigenen Mitarbeiter ran und versuchen, „möglichst viele Mund-Nasen-Tücher zu nähen, die wir nur an Gesundheitseinrichtungen liefern dürfen“.

Bei der Lübecker Marli GmbH arbeiten 610 Menschen in fünf Werkstätten - normalerweise. „Unsere Werkstätten sind faktisch geschlossen“, sagte Geschäftsführer Axel Willenberg dem Magazin „Klarer Kurs“ der GDW - Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Mitte eG in Kassel. Aber auch alle anderen Mitarbeiter seien versorgt. „Keiner wird alleine gelassen. Und wer dringenden Bedarf hat zu arbeiten, der kann arbeiten.“

Martin Berg, der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen, geht nicht davon aus, dass sämtliche Einrichtungen in der Krise schließen werden, auch wenn sich bereits abzeichnet, dass noch andere Bundesländer mit Betretungsverboten nachziehen. Für diesen Fall setzt Berg auf staatliche Hilfen. Die Werkstätten seien Teil der Arbeitswelt und somit auch in viele Produktionsketten eingebunden, sagte Berg dem „Klaren Kurs“. Komme es zu Schließungen, dann hoffe er, „dass Sonderkredite et cetera auch für Sozialunternehmen gelten werden“.

Unterdessen sorgt sich die Lebenshilfe um die fachgerechte Betreuung der Menschen, deren gewohnter Tagesablauf völlig durcheinandergerät. Viele Betroffene müssten zu Hause bleiben, entweder in Wohneinrichtungen oder bei ihren Familien. „Dort kann es zu Schwierigkeiten bei der Versorgung kommen. Hier muss improvisiert werden“, berichtet die Vorsitzende Ulla Schmidt. Bei Schließungen von Werkstätten und Schulen müsse die Finanzierung ebenso gesichert werden wie für Unternehmen. „Dazu gehört auch die Bezahlung von Assistenzkräften wie Schulhelfern.“

Matthias Münning, Sozialdezernent des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, sicherte zu, man werde die Vergütung für die Werkstätten nicht kürzen, „wenn die Betreuung dieser Menschen in einer anderen Form fortgesetzt wird.“

Die Einrichtungen von Bethel im Raum Bielefeld werden nach und nach geschlossen. Bethel proWerk hat nach eigenen Angaben rund 2.400 Plätze in den Werkstätten. „Je nach Schwere der Behinderung und persönlichem Lebensumfeld können Beschäftigte zu Hause oder in ihren Wohneinrichtungen bleiben, bekommen Betreuungs- oder Beschäftigungsangebote.“, heißt es in einer Mitteilung. Vom 23. März an gilt „die Aussetzung des Regelbetriebs“ - zunächst bis zum 19. April.

Die Tagesstätten für Menschen mit Behinderungen beim diakonischen Träger Hephata in Hessen sind schon geschlossen, für die Werkstätten und Tagesförderstätten liege die Entscheidung beim Land Hessen: „Hephata hält landesweite Schließungen für geboten“, sagte Vorstandssprecher Maik Dietrich-Gibhardt. Erst recht, nachdem eine Wohngruppe in Treysa in Quarantäne ist, nachdem eine Mitarbeiterin positiv auf Covid-19 getestet wurde.

Eine generelle Schließung der Hephata Diakonie sei bislang formal nicht möglich gewesen, weil es einen Versorgungsauftrag gebe: „Wir können den Betrieb erst dann stilllegen, wenn es eine entsprechende Verordnung des Landes Hessen gibt“, erläuterte Dietrich-Gibhardt. Eine solche Verordnung würde Klarheit schaffen.

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