Bischof Heinrich Timmerevers besuchte einige Tage lang seine Familie in Nikolausdorf. Zu Gast war er bei Pfarrer Paul Horst im Pfarrhaus in Garrel. Mit der NWZ  traf er sich zum Interview und unterhielt sich über seine ersten Monate in Dresden-Meißen, den Anschlag von Berlin und die Kraft des Christentums.
Frage: Herr Bischof, wie haben Sie Ihr erstes Weihnachtsfest in Dresden verbracht?

Timmerevers: Am Heiligen Abend gibt es traditionell ein Krippenspiel in der Hofkirche in Dresden, das die Kapellknaben aufgeführt haben. Das war ein Highlight, das habe ich so noch nicht erlebt. Um 22.30 Uhr war die Christmette sehr gut besucht. Gemeinsam mit den vier Priestern haben wir dann gemeinsam die Mahlzeiten eingenommen und Zeit miteinander verbracht.

Frage: In ihrer Weihnachtsbotschaft haben Sie auch den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin zum Thema gemacht...

Timmerevers: In Dresden gibt es verschiedene Weihnachtsmärkte, die nach dem Anschlag gesichert wurden. Es war ein Schock für viele, der Terrorismus ist den Menschen sehr nahe gekommen. Das beschäftigte die Leute sehr – eine große Irritation. Man kann nicht Weihnachten feiern, ohne das ins Wort zu bringen. Aber wichtig ist auch die andere Botschaft: Fürchtet Euch nicht. Der Terrorismus bringt mit sich, dass Menschen in Angst und Schrecken versetzt werden. Als Staatsbürger und eben auch als Christen müssen wir uns dagegenstellen und sagen: Wir lassen uns nicht spalten. Wir stehen ein für ein freiheitliches und menschliches Miteinander.

Frage: Das mag den Menschen, die betroffen sind, schwer fallen...

Timmerevers: Sicherlich fällt es leichter, die christliche Botschaft in friedlichen Zeiten über die Lippen zu bringen. Aber sie in schwierigen Zeiten nicht zu sagen, wäre eine Kapitulation vor dem Terrorismus.

Frage: In Dresden-Meißen sind Sie etwas mehr als 100 Tage im Amt. Fühlen Sie sich angekommen?

Timmerevers: Die Frage ist, wann ist man angekommen? Vieles kenne ich noch nicht, ich erlebe aber sehr viel Wohlwollen. Der Kirche wird viel Wertschätzung entgegengebracht, verbunden mit einer hohen Erwartung. Wir brauchen in dieser Zeit etwas, das Orientierung bietet, das Hoffnung schenkt. Wir brauchen eine Botschaft, die Halt gibt. In der Frage der Flüchtlinge etwa. Da sind wir als Kirche „Global Player“. Die Christen versuchen über Grenzen, Mentalitäten, Hautfarben hinweg, Gemeinschaft zu stiften. Das Miteinander zu gestalten – das ist die große Herausforderung, die für Dresden wie für ganz Deutschland heute mehr denn je gilt. Dabei sind die Kirchen mit ihren Erfahrungen besonders gefragt. Die Bereitschaft der Menschen in den Kirchen, sich für Flüchtlinge einzusetzen, ist sehr groß.

Frage: Auf der anderen Seite steht Sachsen sinnbildlich für Übergriffe gegen Ausländer und Flüchtlinge...

Timmerevers: Das ist sicherlich nicht zu verkennen. Ich habe Regionen in Sachsen kennengelernt, in denen es keine Arbeitsplätze gibt und keine Perspektive. Die jungen Menschen ziehen weg. Wir müssen uns immer auch die Frage stellen: Wo sind die Verlierer? Das ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. „Pegida“ ist kein Phänomen, das auf Sachsen beschränkt ist.

Frage: Eine der großen Herausforderungen für das Jahr 2017. In der Rückschau auf 2016: Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte des Jahres?

Timmerevers: Der Wechsel von Niedersachsen nach Sachsen war für mich sicherlich ein großer Schritt: das Vertraute zurückzulassen. Im Oldenburger Münsterland brauchte ich kein Navi, das ist derzeit unvorstellbar in Dresden wie im ganzen Bistum. Die kirchliche Situation ist eine völlig andere: Hier ein Großteil an Katholiken, dort rund 80 Prozent ohne konfessionelle Gebundenheit. Was Mut macht: Über 20 000 Zuschauer waren am 22. Dezember ins Dresdner Stadion gekommen, um gemeinsam mit dem Kreuzchor der evangelischen Kirche traditionelle und moderne Weihnachtslieder zu singen. Die Sehnsucht der Menschen nach einer frohen Botschaft ist spürbar, fast greifbar.

Frage: Sie haben in diesem Jahr viele Menschen kennengelernt. Wer hat sie besonders beeindruckt?

Timmerevers: Ich bin vielen Persönlichkeiten begegnet, die die Zeit nach der Friedlichen Revolution mitgestaltet haben. Kaplan Frank Richter nahm 1989 an der Demonstration auf der Prager Straße in Dresden teil, bei der die Volkspolizei Hunderte Menschen einkesselte. Als die auf die durchrollenden Züge der Prager Botschaftsflüchtlinge aufspringen wollten, drohte ein Blutbad. Richter sprach gemeinsam mit einem anderen Kaplan mit der Volkspolizei und verhinderte das. Kurt Biedenkopf bin ich begegnet (erster Ministerpräsidenten Sachsens, Anm. d. R.), der sehr hohe Wertschätzung in Dresden genießt. Beeindruckt hat mich Innenminister Thomas de Maizière. Ich bin auch einem Stasi-Häftling begegnet, der sich zum Christen hat taufen lassen. Im Erzgebirge habe ich Menschen getroffen, die als Sudetendeutsche vertrieben worden waren: Die Verwurzelung mit der Heimat wie sie hier selbstverständlich ist – das ist eine Erfahrung, die viele dort nicht gemacht haben. All das sind Biografien, die mich tief bewegt haben.

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Reiner Kramer stv. Redaktionsleitung Cloppenburg/Friesoythe / Redaktion Münsterland
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