Friesoythe „Vieles weiß man doch vorher gar nicht.“ „Selbst beim zweiten Kind war ich noch unsicher.“ „Sie war eine große Hilfe.“ „Ohne Hebamme wäre es komisch gewesen.“ Die Mütter, die das sagen, haben vor Kurzem Babys bekommen, und sie sind sich völlig einig: Eine Hebamme ist wichtig. Mehr noch: „Ohne eine Hebamme wäre es gar nicht gegangen.“

Immer weniger Hebammen im Landkreis

Die Frauen sitzen mit ihren Babys bei Hebamme Regina Peters-Trippner in der Friesoyther Praxis. Sie besuchen das „Milchcafé“, einen offenen Treff zum Kennlernen und Austausch nach der Schwangerschaft. Sie alle seien durch die Hebamme bestens versorgt worden, sagen die jungen Müttern. Doch das ist längst nicht mehr selbstverständlich. Denn im Landkreis Cloppenburg gibt es ein großes Problem: Es gibt im Kreis mit der höchsten Geburtenrate in ganz Deutschland immer weniger Hebammen.

„Es fehlt an allen Ecken und Kanten“, sagt Peters-Trippner. Die selbstständigen Hebammen würden sich große Gedanken machen über die ambulante Betreuung von Schwangeren und vor allem Mütter mit Neugeborenen – gerade in der anstehenden Urlaubszeit im Sommer. „Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Schwangere, die von Mai bis Juli 2018 ein Baby erwarten und noch keine Hebamme für die Wochenbettbetreuung gefunden haben, keine mehr finden werden“, so die Friesoytherin.

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„Zu Beginn haben viele Frauen Ängste“

Viele Frauen würden sich sofort nach der Schwangerschaft melden. Das sei auch kein Wunder, denn am Anfang einer Schwangerschaft hätten viele Frauen Ängste. „Diese können wir ihnen schnell nehmen, denn eine Geburt ist etwas Natürliches und Gesundes. Außerdem können wir während der Schwangerschaft erste Weichen stellen, eventuell die Ernährung umstellen und die Frauen beruhigen“, so Peters-Trippner. Aber leider könne man schon jetzt nicht mehr allen werdenden Müttern gerecht werden, obwohl jede Hebamme am Limit arbeiten würde.

Die Friesoytherin hat gemeinsam mit ihren Kolleginnen gleich mehrere Faktoren für den Hebammen-Mangel ausgemacht. Da wären zum einen die Arbeitszeiten. Diese seien zwar nicht mehr ganz so abenteuerlich wie früher, doch man kratze schon an der Belastungsgrenze – und manchmal auch darüber. Dabei müsse auch eine Hebamme mal Freizeit haben und nicht immer erreichbar sein. Außerdem müssten ihre Dienste besser honoriert werden. Zumal auch die Anforderungen an eine Hebamme stetig steigen würden.

Aber wie könnte eine Lösung aussehen, mit denen Hebammen und vor allem auch den schwangeren Frauen geholfen werden könnten? Eine gute Idee sei eine Hebammenzentrale, sagt Peters-Trippner. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) habe dem Landkreis diesen Vorschlag bereits unterbreitet, dieser sei aber abgeschmettert worden. „Dabei brauchen wir die Unterstützung des Gesundheitsamtes und somit des Landkreises.“

Prinzip der Hebammenzentrale ist einfach

Das Prinzip dieser Zentrale ist simpel: Werdende Mütter müssen nicht mehr eine lange Liste von Hebammen abtelefonieren, sondern rufen eine zentrale Nummer an. Von dort wird dann ermittelt, welche Hebamme übernehmen kann. „Dieses Prinzip hat sich in Nachbarlandkreisen bewährt und würde uns schon sehr entlasten“, sagt Peters-Trippner.

Kreissprecher Frank Beumker bestätigte entsprechende Gespräche mit dem Landkreis. Ein aktueller Antrag liege aber nicht vor. Dennoch beschäftige man sich mit dem Thema, zumal der Arbeitskreis der Gleichstellungsbeauftragten im Kreis ebenfalls Handlungsbedarf sehe, teilte Beumker mit.

Hebammen-Mangel betrifft aber nicht nur die ambulanten Helferinnen. Im Friesoyther St. Marienhospital ist die Situation – wie an den meisten anderen Krankenhäusern auch – ähnlich angespannt. Roswitha Funke bezeichnet die Lage sogar als „Katastrophe“. Sie ist freiberufliche Beleghebamme und arbeitet mit vier weiteren Kolleginnen im Kreißsaal des Hospitals. Die fünf teilen sich ihren Dienst so auf, dass stets eine Hebamme auf Abruf bereit steht. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr.

Kaum jemand will noch Hebamme werden

Dass es nicht mehr Hebammen seien, liege weniger am Krankenhaus, sondern schlicht und einfach daran, dass kaum noch jemand zu finden sei, der den Beruf ausüben möchte, sagt die Alten­oytherin. Bereits vor zehn Jahren hätte man gesundheitspolitisch in eine bessere Hebammen-Ausbildung und Bezahlung investieren müssen, sagt sie. Stattdessen würde man von den Krankenkassen immer mehr Steine in den Weg gelegt bekommen. So müsse zum Beispiel minutengenau aufgeschrieben werden, wo, was, wie und wie lange gemacht werde. „Ich bin die Hälfte meiner Arbeitszeit im Büro tätig“, sagt Funke.

Ein wichtiger Punkt, der Frauen vom Beruf der Hebamme abhalte, sei die Haftpflichtversicherung. Diese betrage bei freiberuflichen Beleghebammen an Krankenhäusern fast 10 000 Euro im Jahr. Eine Hebamme verdiene hingegen pro Geburt nur rund 200 Euro brutto. „Damit wird der Beruf im Keim erstickt“, ärgert sich Funke, „die Politik muss schnell die Rahmenbedingungen ändern. So wie es jetzt ist, geht das System absolut an der Realität vorbei.“

Warum tut man sich das an?

Und warum tun sich die Hebammen diesen Beruf überhaupt noch an? Roswitha Funke sagt, was wohl für alle Hebammen im Landkreis gilt: „Ich mag den Beruf zu gern – und kann die Frauen doch nicht einfach alleine lassen.“

Carsten Bickschlag Redaktionsleitung Cloppenburg/Friesoythe / Redaktion Münsterland
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