Friesoythe Es ist der 12. Juni 1999: DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion. Die Entscheidung zwischen Werder Bremen und Bayern München fällt im Elfmeterschießen. Unter den 75 841 Zuschauern ist auch eine Gruppe mit sechs Friesoythern. Für Jürgen Spieker, Hubert Frohne-Brinkmann, Johannes Millhahn, Heiner Gründing, Hugo Rosenwinkel und Norbert Berssen wird an diesem Abend klar, dass es nicht der letzte gemeinsame von Fußball geprägte Ausflug sein soll.

„Das Spiel war ein wirkliches Highlight“, erinnert sich Berssen, der damals bereits Dauerkarteninhaber bei seinem Lieblingsclub aus Bremen ist. Allerdings sehnen sich die Männer nach Abwechslung. Man will andere Stadien sehen, andere Atmosphären erleben. So entschließen sich die Gruppenmitglieder, die in der Konstellation zum ersten Mal unterwegs sind, ab sofort regelmäßig auf Fußball-Reise zu gehen.

Einiges abgegrast

Fortan organisiert die Gruppe etwa einmal im Monat eine Fahrt zu einem oder mehreren Fußballspielen. „Seitdem haben wir einiges abgegrast“, sagt Berufsschullehrer Berssen stolz. „Mindestens ein Auslandsaufenthalt pro Jahr ist dabei“, fügt der 61-Jährige an. Unterdessen hat sich im Laufe der Zeit Hubert Sassen den Fußballverrückten angeschlossen. „Meistens wird beim Kartenspielen viel über Fußball gesprochen. Dann werden auch die nächsten Fahrten geplant“, berichten Berssen und Gründing.

Einen Haken können die Friesoyther Fußballexperten unter anderem hinter Länder wie Dänemark oder die Benelux-Staaten machen, ebenso haben sie zahlreiche Besuche in „großen“ Fußball-Nationen wie England, Spanien oder Italien, aber auch Irland und Schottland hinter sich. In den beiden höchsten deutschen Ligen haben sie alles außer Ingolstadt und Regensburg gesehen.

„Für den Herbst ist eine Tour nach Island geplant“, verkündet Heiner Gründing, der über eine Sammlung unzähliger Eintrittskarten verfügt und sonst dem Hamburger SV die Daumen drückt. England sei aber im April erst einmal wieder das vorrangige Reiseziel. Angedacht ist dann der Besuch des Premier-League-Duells von Tottenham Hotspur mit „Brighton & Hove Albion“. „Es muss aber nicht nur erste Liga sein“, stellt Berssen klar, auch wenn er insgeheim gern eine Begegnung des FC Liverpool sehen würde.

Die erste Auslandstour führte die Friesoyther 2004 nach Italien ins San Siro-Stadion in Mailand – zuvor hatte man schon zahlreiche deutsche Stadien gesehen. „Die Tour damals war so eng getaktet, dass wir quasi im Galopp aus dem Stadion mussten, obwohl dem AC Milan kurz danach die Meisterschale überreicht werden sollte“, berichtet Gründing und lacht. Er ist nämlich dagegen, das Stadion frühzeitig zu verlassen. Doch die „Groundhopper“ sind schon auf dem Weg zur nächsten Partie – ein italienisches Zweitligaspiel zwischen Atalanta Bergamo und AS Livorno.

Stadien mit Flair

Fragt man Berssen und Gründing nach dem schönsten Stadion, das sie als Gruppe gesichtet haben, nennen sie nicht etwa das Camp Nou (99 354 Plätze) in Barcelona, sondern eines der kleineren Stadien. „Die haben das meiste Flair“, sagt Berssen: das Uhlenkrugstadion von Schwarz-Weiß Essen und das „Turf Moor“ des Premier-League-Clubs FC Burnley – „eine alte Bruchbude.“

Besonders gern sind die „Hopper“ in Leipzig. Zum einen wegen des Zentralstadions (seit 2010 „Red Bull Arena“), zum anderen sind die „Groundhopper“ begeistert von der Holztribüne im Bruno-Plache-Stadion. Dort ist Lokomotive Leipzig beheimatet. Dessen Vorgängerverein VfB Leipzig ist 1903 nebenbei bemerkt erster Deutscher Meister geworden. Der hölzerne Zuschauerbereich ist 1932 errichtet worden und weitestgehend im Originalzustand erhalten.

Dass das richtige „Groundhopping“ viel extremere Formen annehmen kann, weiß Heiner Gründing: „Als richtiger ,Groundhopper’ muss man auch Fahrten planen, wo man sich an die Straße stellen und den Daumen heben muss.“ Da guckt man zur Zeitüberbrückung Zweitligaspiele in Litauen oder Russland, um Punkte zu sammeln. Das käme für die Gruppe nicht in Frage. „Es gibt auch ,Extrem-Hopper’, die anders anziehen und etwa durch Afrika tingeln.“

Ruhrpott statt London

Neben zwei Spielabbrüchen in Den Haag und Zürich, einem Hotelzimmer mit Fenster ins Stadion von Slavia Prag auf das Spielfeld oder VIP-Karten bei Real Madrid können die „Stadionhüpfer“ auch von Bootstouren durch Berlin zu Fußballspielen mitsamt Motorschaden berichten. Wirklich kurios ist aber eine nach London angedachte Fahrt, die sie ins Ruhrgebiet führt. Die Gruppe trödelt in Bremen am Flughafen, hat jedoch keine Flugtickets, geschweige denn ein Hotelzimmer. Die Zeit vergeht. Als man am Schalter Tickets ordern will, schließt der gerade. Statt nach Hause zu fahren, entschließen sich die Fußballfans mit wenig Sprit im Autotank, spontan nach Bochum zu einem Bundesligaspiel zu fahren. Auf dem Rückweg kommt es wie es kommen muss. Der Tank ist auf der Autobahn Höhe Münster leer. Ein Abschleppwagen muss die Truppe schließlich in Sicherheit bringen.

Eine der schönsten Fahrten führt sie „auf die Spuren der Regionalliga Südwest“. Dort sind die Friesoyther zu Gast bei Eintracht Trier, 1. FC Saarbrücken und FK Pirmasens. Schließlich nutzt man die Gelegenheit noch für einen „Sprung“ über die Landesgrenze nach Luxemburg. „Wieder ein Länderpunkt“, deutet Gründing schmunzelnd an.

Zurück ins Pokal-Finale 1999: Der damalige Bremer Torhüter Frank Rost entscheidet die Partie, als er selbst vom Elfmeterpunkt gegen Oliver Kahn zum 6:5 trifft und den entscheidenden Elfer von Lothar Matthäus hält. Nicht nur unter den Werder-Anhängern der Friesoyther Gruppe ist der 12. Juni ein guter Tag, sich zu erinnern. Dann blickt nämlich die ganze Truppe auf ihren „Gründungstag“ zurück. Dieses Jahr bereits zum 20. Mal. . .

Niklas Grönitz Volontär, 2. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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