Friesoythe Zwangseinquartierungen in Privatwohnungen, Baracken, das Ende der Beschaulichkeit in der bis dahin geradezu verschlafenen Residenzstadt: Mit den Flüchtlingen und Heimatvertriebenen wurde Oldenburg nach Ende des Zweiten Weltkriegs zur Großstadt.

Der Oldenburger Verein Werkstattfilm widmet den Flüchtlingen und Heimatvertriebenen eine Ausstellung in der Wallstraße. In Interviews kommen Zeitzeugen zu Wort, die als Kinder oder Jugendliche mit ihren Eltern aus dem ehemals deutschen Osten kamen und in Oldenburg und der Umgebung neu Fuß fassen wollten.

Onkel holte Familie

Einer dieser Menschen ist Klaus Kowalsky. Der 82-Jährige Friesoyther ist in Stettin zur Welt gekommen. 1947 mussten seine Mutter, seine Schwester und er den Ort verlassen. Der Vater von Klaus Kowalsky war bei der Verteidigung Berlins im April 1945 gestorben.

Im Güterzug wurden die drei nach Posen transportiert, dann ging es nach Deutschland ins Lager Dessau. Kowalskys Onkel aus Vegesack organisierte gemeinsam mit einer Schwägerin den Weg in den Nordwesten. Im Dunkeln wurde die Zonengrenze überquert, vom Bahnhof ging es bei „Schietwetter“, so beschreibt es Kowalsky, sieben Kilometer nach Helmstedt. Wie der damals Zehnjährige dann nach Vegesack gelangte, weiß Kowalsky nicht, „ich habe geschlafen wie ein Sack“.

Ein paar Monate lebte die Familie getrennt voneinander – Kowalsky beim Onkel in Vegesack, die Mutter in Schleswig-Holstein, die Schwester in Glückstadt. 1948 wurde die Familie nach Hasbergen, damals noch Landkreis Oldenburg, eingewiesen. Sie lebten einige Jahre in einer Wohnküche bei einem Kleinbauern. Eigentlich wollte dessen Sohn dort mit seiner Frau leben – daraus wurde zunächst nichts. Böse war ihnen aber keiner. „Wir waren sogar zur Hochzeit eingeladen“, so Kowalsky. Und fasst zusammen: „Wir haben nicht gelitten, nur die Umstände waren misslich.“ In der Mittelschule fand er Freunde, in seiner Klasse waren einige Jungs, die das gleiche Schicksal hatten. 1951 konnte die Familie eine Doppelhaushälfte in Delmenhorst ergattern.

Seit 1961 lebt Kowalsky in Friesoythe. Er ist verheiratet, das Paar hat fünf Kinder. Einer seiner Söhne hat ihn auf das Projekt von Werkstattfilm und die Zeitzeugensuche aufmerksam gemacht. Im Herbst kam Zahedi dann für die Interviewaufnahmen nach Friesoythe.

Knapper Wohnraum

So positiv wie die Familie Kowalsky wurden viele Menschen in Oldenburg nicht aufgenommen. Der Wohnraum war knapp, die Menschen wurden zum Teil in Baracken oder nicht mehr genutzten Kasernen untergebracht.

Doch das Leben in der Stadt ging irgendwie weiter, wie in der Ausstellung dargestellt wird. Werkstattfilm stellt das Thema Flucht und Vertreibung in einem auf mehrere Jahre angelegten Projekt in einen größeren historischen Kontext und betrachtet verschiedene „Wellen“ der Zuwanderung nach Oldenburg.

„Dieser Abschnitt in der Oldenburger Geschichte ist zwar bereits gut erforscht, das einzigartige an unserem Projekt stellt jedoch die individuelle und emotional nahegehende Perspektive dar: Wir konnten acht Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Oldenburg und der Umgebung gewinnen, die bereit waren, uns einen sehr persönlichen Einblick in ihre Geschichten von Flucht und Vertreibung zu geben“, freut sich Zahedi. So bietet die Ausstellung neben historischen Fakten eine emotional zugängliche individuelle Perspektive auf nicht nur lokalgeschichtlich bedeutsame Ereignisse.

Sehr persönlicher Einblick

Die Erkundung findet anhand verschiedener thematischer Bereiche statt: Unter anderem beschäftigt die Ausstellung sich mit der Ankunft und der Frage nach Unterkunft und Versorgung der Neuankömmlinge sowie dem Einleben in der neuen Umgebung, der Frage nach einer Willkommenskultur oder entgegengebrachter Ablehnung, dem Entstehen neuer Stadtteile sowie der persönlichen Wirkung von Flucht. Neben Fotos und Zitaten werden auf vier Bildschirmen verschiedene Ausschnitte aus den Interviews mit den Zeitzeugen gezeigt. Im Film, der die Ausstellung ergänzt, kommen die Zeitzeugen ausführlich zu Wort.
 Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 12. Januar, um 11 Uhr in der Wallstraße 24 in Oldenburg. Zeitzeugen werden auch dabei sein, unter anderem Klaus Kowalsky.

Thomas Husmann Redakteur / Redaktion Oldenburg
Manuela Wolbers Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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