CLOPPENBURG „Freizeit ist ein Luxusgut“ , sagt Theresa Mielenz (18). Sie hat gerade nach der zwölften Klasse ihr Abitur am Copernikus-Gymnasium in Löningen bestanden und weiß: „Schüler zu sein, ist ein 24-Stunden-Job.“ Bei 34 Unterrichtsstunden pro Woche – AGs und Pflichtfächer ausgenommen –, dazu noch bis zu drei Stunden pro Tag für Hausaufgaben, bleibt kaum noch Zeit für Hobbys. „Nur wer den Tag minuziös durchplant, findet noch Zeit dafür.“

Eine Dauerbelastung, die ihre Opfer fordert. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts weisen rund 20 Prozent der unter 18-Jährigen psychische Auffälligkeiten auf. Anlass für den Sozialpsychiatrischen Verbund, Ursachen und Konsequenzen im Kreishaus zu diskutieren. Fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen hätten Schulangst, zitiert Hildegard Wübben-Siefer, Psychiatriekoordinatorin beim Landkreis Cloppenburg.

Blackouts eine Folge

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Die Psychologische Beratungsstelle registriert eine „signifikante Zunahme bei Schülern aus dem dritten und vierten Schuljahr mit psychischen und psychosomatischen Problemen“, sagt Leiter Bernd Massmann. Rund 120 Gymnasiasten seien in den vergangenen drei Jahren im Schnitt behandelt worden, die den Druck nicht ausgehalten hatten. Eine Ursache: Der Druck wird häufig von Eltern auf die Kinder übertragen, weiß Massmann. „Eltern überfördern und überfordern ihre Kinder.“ Die Folge sind etwa Blackouts bei Klausuren.

Stress in der Schule – der beginnt in der Grundschule, weiß Anna Middendorf von der Grundschule Höltinghausen. Schon in der dritten Klasse beschäftigen sich die Schüler damit, ob sie künftig auf die Haupt-, Realschule oder das Gymnasium gehen. Nicht selten resultieren daraus Ängste, etwa vor der Trennung von Freunden nach dem Wechsel, vor dem nächsten Zeugnis, vor den Eltern. Stress bereiten auch die Vergleichsarbeiten, die in jedem Jahr anstehen: „Ständige Tests verhindern, dass Kinder unbeschwert Kind sein können.“

Das Alter der Kinder bei der Einschulung wird derzeit kontinuierlich zurückgefahren. Die Voraussetzungen dafür sind aber nicht gegeben, kritisiert Marlies Scheele von der Grundschule Emstek. Das Brückenjahr, das Kindergartenkindern den Übergang in die Schule erleichtert, laufe aus.

„Nicht mehr draufpacken“

„Schüler sind keine Fässer, die man füllt, sondern Feuer, die man entzündet“, sagt Reinhard Dreker, Leiter des Laurentius-Siemer-Gymnasiums in Ramsloh. Abitur nach zwölf Jahren – die Umsetzung des G 8 hält Dreker für ein Debakel. „Zuviel Lernstoff in kurzer Zeit“, lautet seine Diagnose. Er fordert, die Lehrpläne zu reduzieren, denn: „Wir können nicht einfach immer mehr draufpacken.“

Das Hauptargument der G 8-Befürworter, die Absolventen seien zu alt, hält Dreker für entkräftet. Die Nachfrage nach deutschen Akademikern und die daraus resultierenden Abwanderungstendenzen sprächen eher für Qualität als für zu hohes Alter.

Für ein Zurück zum Abitur nach 13 Schuljahren sieht Dreker aber keine Chance. Stattdessen müsste nachgebessert werden: Klassengrößen verringern, den Schülen mehr Förderung anbieten, die Organisation flexibilisieren, auch in Bezug auf Stundenplangestaltung und Zeitrhythmen. „Wir müssen versuchen, den Schulalltag zu entschleunigen.“ Hausaufgaben sollten nur aufgegeben werden, wenn sie wirklich notwendig seien.

Probleme entstünden häufig, wenn Lernen – als reine Wissensvermittlung begriffen – auf frustrierte Schüler trifft, ist sich Gudrun Lüdders vom Kinderschutzbund Cloppenburg sicher. Jürgen Heinke, Psychiater im Gesundheitsamt, rät dazu, betroffene Kinder und Jugendliche frühzeitig zu therapieren. Es gebe aber zu wenig Psychotherapeuten.

Reiner Kramer stv. Redaktionsleitung Cloppenburg/Friesoythe / Redaktion Münsterland
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