Groningen /Oldenburg So sieht doch keine Uni aus. Und ein Krankenhaus schon gar nicht. Breite Gänge wie ein modernes Einkaufszentrum, von Pflanzen gesäumt, farbenfroh. In der Mitte eine größere Halle mit Wasserfontäne und Balkonen. Links geht die Winkelstraat ab, kleine Geschäfte reihen sich aneinander.

Die Neurochirurgie versteckt sich hinter einem Palmenhain, die Urologie erkennt man am rötlichen Eingang, der Augenarzt ist blau. Ein Golfcart rauscht vorbei, noch eins; Transportfahrzeuge. Die Wege sind weit im Universitätsklinikum von Groningen in den Niederlanden.

„Für mich fühlt sich das richtig toll an hier“, sagt Tabea Schmidt-Ott. „Hier ist es so, wie ich mir das Studium vorgestellt hatte“, sagt André Fitze. Die 22-jährige Berlinerin und ihr 27-jähriger Kommilitone aus Garrel studieren Medizin an der European Medical School (EMS).

Neue Wege in der Medizinerausbildung

Die European Medical School Oldenburg-Groningen (EMS) ist ein deutsch-niederländisches Kooperationsprojekt der Unis Oldenburg und Groningen. Ziel ist es, neue Wege in der Medizinerausbildung zu gehen. Das Lehrkonzept der EMS ist praxisorientiert, forschungsbasiert und bietet die Chance, hoch qualifizierte Ärzte für den Nordwesten auszubilden.

Durch die Zusammenarbeit von Uni und den drei Oldenburger Krankenhäusern – das Klinikum, das Evangelische Krankenhaus und das Pius-Hospital – entsteht ein neuer universitätsmedizinischer Standort. Dieser schließt eine Versorgungslücke in der Region.

Jedes Jahr beginnen 40 Studierende an der Universität Oldenburg ein Medizinstudium. Eine Besonderheit der Ausbildung ist der Studierendenaustausch zwischen den beiden Unis.

Also, eigentlich studieren sie ja in Oldenburg. Doch mindestens ein Jahr ihrer sechsjährigen Ausbildung verbringen die Oldenburger Studierenden in Groningen. In der Regel.

Tabea Schmidt-Ott und André Fitze sind seit Januar hier im Norden Hollands, in der Provinzhauptstadt mit ihren knapp 200 000 Einwohnern. Grachten, Museen, Kneipen. „Brausend und vielseitig“, so bewirbt sich Groningen selbst. Und das ist nicht übertrieben.

Groningen fühle sich an wie eine Großstadt. „Sehr lebendig, immer was los.“ Auch nachts. Da sind sich die beiden Medizin-Studenten einig.

Zum Stadtbild gehört die Reichsuniversität, vor 400 Jahren gegründet, mit rund 20 000 Studierenden die drittgrößte der Niederlande, mit der zweitgrößten Bibliothek. Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat hier Philosophie studiert.

Das Universitätsklinikum liegt am Rande der City, nicht weit vom Großen Markt. Teilweise umgeben von einem Wassergraben wirkt es wie eine Trutzburg, wie eine Stadt in der Stadt. Eine Mischung aus historischen Backsteinhäusern, futuristischen Glaskonstruktionen und krankenhaustypischen Zweckbauten. Studenten, Ärzte und Patienten unter einem Dach.

„Ich fühle mich wohl hier“, sagt André Fitze. „Wir wurden so herzlich aufgenommen“, strahlt Tabea Schmidt-Ott. Tolle Sportanlagen, schöner Markt, Radlerparadies: „hohe Lebensqualität“.

Ein bisschen verliebt wirken die beiden schon – in die Stadt, die Uni, das Studium. Nur das Essen sei teurer.

Vor zweieinhalb Jahren haben sie gemeinsam an der EMS in Oldenburg angefangen. Der 2. Jahrgang an der europäischen Medizinhochschule sozusagen, die 2012 feierlich eröffnet wurde.

Nur 40 Studienplätze hat die EMS. „Man kennt sich.“ Tabea Schmidt-Ott und André Fitze haben sich gegen zahlreiche andere Bewerber durchgesetzt, obwohl ihre Lebensgeschichten kaum unterschiedlicher sein könnten.

Tabea Schmidt-Ott hat ein Top-Abitur, damit freie Auswahl. Die EMS stand ganz oben auf ihrer Wunschliste. Weil das Medizinstudium in Oldenburg praxisnah ist, forschungsorientiert und international.

„Glück gehabt“, sagt Tabea Schmidt-Ott, die einen Teil ihres Freiwilligen Sozialen Jahres in der Pflege verbracht hat. „Den Umgang mit kranken Menschen fand ich toll.“

Bei André Fitze sah es zunächst nicht nach Medizin aus, weil ein gutes Abitur nur für die Warteliste reicht. Obwohl er am Fachgymnasium war, in Cloppenburg: Schwerpunkt Pflege. „Der Umgang mit Menschen macht mir Spaß“, sagt André Fitze. Der Pflegeberuf sei eine „sinnvolle Tätigkeit“. Also bleibt er erstmal dabei: Zivildienst in der Pflege in Friesoythe, Krankenpflegerausbildung in Delmenhorst. Immer noch kein Studienplatz. Ein Jahr Intensivpfleger in Münster. Endlich die Einladung aus Oldenburg.

Die Mischung aus Note, Praxiserfahrung und Schwerpunktsetzung der EMS bringt den ersehnten Studienplatz. „Oldenburg möchte einen intensiven Patientenkontakt.“

Links von der Winkelstraat ab führt ein schmaler Gang zu einem Kinosaal mit blauen Sesseln. Könnte man meinen. Der „blaue Salon“ ist ein normaler Vorlesungssaal. Da ist er wieder, der gewisse Wohlfühlfaktor im Uniklinikum von Groningen. Zusatzservice für die 13 EMS-Studenten: Vorlesungen auf Niederländisch werden von Kommilitonen übersetzt. „Die Uni kümmert sich“, sagt André Fitze.

Vorne stehen eine Couch und ein Sessel. Patientengespräche werden hier geführt. Vor Studenten. Auch Tabea Schmidt-Ott und André Fitze haben schon oft in den blauen Sesseln gelauscht. Eine Frau war da, die vorher ein Mann war. Eine Schwangere wurde befragt. Eine Patientin erzählte offen von ihrer Fehlgeburt. „Aha-Erlebnisse“ nennen die beiden das. Und: praxisnahes Medizinstudium. Man lernt hier an den Fällen.

„Ich gehe in die Vorlesungen nicht nur wegen der Prüfungen, sondern wegen der Diskussionen“, sagt Tabea Schmidt-Ott. „Die Frage ist nicht, ob ich lerne, sondern wie ich lerne“, sagt André Fitze. Dass der Studienplan „sehr zeitintensiv“ sei, fügen sie noch hinzu. Acht-Stunden-Tag – oder mehr.

Die beiden Deutschen machen in den Niederlanden ihren Bachelor. Muss man nicht, kann man. Alle vier Wochen steht eine Prüfung an. Für ihre Bachelor-Arbeit forscht Tabea Schmidt-Ott über kindlichen Bluthochdruck. „Wir stehen kurz vor der Auswertung der Daten“, sagt sie aufgeregt. André Fitze, naturwissenschaftlich begeistert, will herausfinden, welche Auswirkungen Salz im Körper hat. Für den ersten Abschnitt der ärztlichen Ausbildung in Deutschland, das „Physikum“, sammeln sie die Punkte gleich mit. „Wir machen unser Staatsexamen wie andere Medizinstudenten auch.“

Tabea Schmidt-Ott weiß nicht genau, welche Richtung sie einschlagen wird nach dem Studium. Neurologie findet sie „total spannend“. Seltene Krankheiten erkennen wie Serienheld Dr. House, das könnte ihr gefallen.

„Auf jeden Fall Notfallmedizin“, legt sich André Fitze fest. „Anästhesist oder Internist.“ Also theoretisch. Die Arbeit im Alltag, die Praxis, kann er noch nicht einschätzen.

Tabea Schmidt-Ott und André Fitze können leider nur ein halbes Jahr in Groningen bleiben. Weil das System hier etwas umgestellt wird, erklären sie. Weil die Inhalte dann nicht so ganz passen. „Bisschen schade“, finden sie. Aber sie wollen vielleicht wiederkommen – um ihren Master in Groningen zu machen.

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Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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