Enormer Beratungsbedarf

21 600 Studierende nahmen im Jahr 2007 das Beratungsangebot eines der 41 Deutschen Studentenwerke in Anspruch. Insgesamt wurden 66 000 Beratungen gezählt.

Typische Probleme sind nach Angaben des Studentenwerks depressive Verstimmungen, Prüfungsängste sowie Probleme beim Zeitmanagement und der Arbeitsorganisation.

Viele leiden unter Exis-tenzängsten. Vor allem Hochschüler, die nebenher arbeiten müssen, haben es schwer.

von Sven Mertinkat

Oldenburg Ausschlafen, Rumhängen und ein ausgeprägtes Nachtleben – so lauten die gängigen Vorurteile gegenüber Studenten. Doch damit ist spätestens seit der Einführung der Bachelor-/Masterstudiengänge Schluss. „Viele der Studenten und Studentinnen leiden unter studiumsbedingtem Stress“, sagt Diplom-Psychologe Wilfried Schumann von der Psychosozialen Beratungsstelle in Oldenburg. Die Einrichtung wird aus Mitteln der Hochschule sowie des Studentenwerks finanziert und betreut im Jahr rund 500 Studierende mit privaten oder studienbedingten Problemen.

„Personen mit psychischen Belastungen während des Studiums sind längst keine Einzelfälle mehr“, so Schumann weiter. Fast ein Viertel aller Studierenden in Deutschland hätten Beratungsbedarf. Neben persönlichen Problemen sind die häufigsten Beratungsanlässe Prüfungsstress sowie zeitliche Überforderung.

„Wir haben teilweise bis zu 36 Semesterwochenstunden“, erzählt Sina Schierloh, der vor allem der hohe Arbeitsaufwand zu schaffen macht. „Es bleibt ja nicht nur bei den Seminaren. Hinzu kommen auch noch Hausarbeiten, Referate und die ganzen Prüfungen“, sagt die 22-Jährige.

Das Bachelor-Studium ist so konzipiert, dass es über das gesamte Semester in etwa einer 40-Stunden-Woche entspricht. Da ein Großteil der anfallenden Arbeit jedoch in die Vorlesungszeit fällt – und die ist lediglich 13 Wochen lang – kann diese Stundenzahl fast nie eingehalten werden. Und selbst in den Semesterferien bleibt nur wenig Raum zum Entspannen. „Nach der Vorlesungszeit müssen Hausarbeiten und Ähnliches erledigt werden“, erklärt Wilfried Schumann.

Hinzu kommt die Belastung durch die Studiengebühren. Viele Studierende müssen neben dem Studium arbeiten. „In den alten Studiengängen konnte man seinen Stundenplan so legen, dass man auch noch Zeit für die Arbeit hatte. Jetzt hat man durch die Pflichtseminare viel vorgegeben, da wird die Koordination sehr schwer“, schildert Sina Schierloh das Problem vieler Studenten, die nicht über genügend finanzielle Mittel verfügen.

„Viele der Studierenden kommen dadurch an einen Punkt, wo sie sich mit Existenzängsten konfrontiert sehen. Von ihnen wird erwartet, dass sie den Bachelor in sechs Semestern schaffen, doch das ist nicht immer möglich“, sagt Schumann.

Das bestätigt auch Michael Bode, der in Oldenburg Sport und Wirtschaftswissenschaften studiert: „Es wird von uns erwartet, dass wir das Studium so schnell wie möglich durchziehen.“ Schumann ergänzt: „Ansonsten steht man schnell als Außenseiter da.“ Der Psychologe meint, die Studierenden und Dozenten müssten einsehen, dass nicht jeder gleich schnell studieren kann, und vergleicht das Studium mit einem Marathonlauf: „Wenn jemand so einen Lauf organisiert, dann erwartet er auch nicht, dass alle Starter zur selben Zeit ins Ziel kommen.“

Einen wichtigen Punkt sieht der Psychologe auch in den vielen Prüfungen: „Jede Prüfungsleistung fließt in die Endnote mit ein, dadurch entsteht ein enormer Leistungsdruck für die Studenten.“ Die Ursache hierfür sei vor allem darin zu begründen, dass für die Zulassung zum Masterstudium ein bestimmter Notendurchschnitt erreicht werden muss – bei den Lehramtsstudierenden beträgt dieser zum Beispiel 2,5. Bei anderen Studienabschlüssen kann er von Fach zu Fach sowie von Universität zu Universität variieren. Die Devise vieler Studierenden lautet daher, unbedingt einen besonders guten Abschluss zu erreichen. „Wenn wir den gewünschten Notenschnitt nicht erreichen, haben wir überhaupt nicht die Möglichkeit, unser Studium mit dem gewünschten Abschluss zu beenden“, erzählt Alexa Pabst (25), Studentin an der Uni Oldenburg.

Bei einer Tagung des in Oldenburg warnte Andrea Hoops, stellvertretende Generalsekretärin des Deutschen Studentenwerks, daher: „Die Luft an Deutschlands Hochschulen wird dünner für alle Studierenden, die nicht dem Typus des finanziell sorgenfreien Vollzeitstudierenden entsprechen.“

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