TOSSENS Über 100 Minuten fast atemlose Spannung, ein großes und im höchsten Maße beeindrucktes Publikum sowie ein fesselndes Stück zu einem höchst aktuellen Thema gab es zum Abschluss eines an Aufführungen reichen Jahres an der Tossenser Schule. „Grenzwert – überschritten“ ist der Titel eines Dramas aus der Feder der Theater-Pädagogin Conni Howel, das unter Mitwirkung der jugendlichen Darsteller entstand. Das Ergebnis der knapp einjährigen Proben: Es ist eine der, wenn nicht die beste Theater-Produktion in der Geschichte der Zinzendorfschule.

Bei „Grenzwert – überschritten“ stimmt einfach alles. Da ist zunächst die Struktur, die es dem Publikum erlaubt, sofort in die brisante Problematik hineingezogen zu werden. In einem Prolog erinnern sich fünf Jugendliche an Malte (Roman Seebeck), den Amok-Läufer. Jule (Marie Schlesies-Janßen), Jan Ole (Stephen Sander), Nadine (Finja Reimers), Leonie (Hannah Schütte) und Patrick (Finn Howell) hatten allesamt keinen engen Kontakt zu, aber ein Bild von ihm.

Im Hauptteil des Stückes befinden sich die Jugendlichen gemeinsam mit Malte im Heizungskeller der Schule. Er ist mit einer Pistole bewaffnet und arbeitet an einem Sprengsatz. Seine Geiseln sind verängstigt, nervös, verzweifelt. Ein Lehrer ist bereits erschossen worden.

Malte bietet seinen Mitschülern an, ihr Leben zu retten, indem sie ihm mitteilen, warum es für sie lebenswert sei. Sie müssen lediglich seine Fragen beantworten. Einen nach der anderen setzt er – wenn nötig mit Nachdruck und Drohung – auf den „heißen Stuhl“.

Bei allen bröckelt schnell die Fassade, tauchen hinter dem äußeren Schein Risse und Verletzungen auf. Jede und jeden lässt er die kaum erträgliche Wahrheit sagen, ja laut rausschreien. Die coole Streberin, das Mode-Püppchen, der softe Gutmensch, der prollige Fußballfan und die super-engagierte grüne Weltretterin entblößen ihr jeweiliges Elend.

Dieser Reigen wird unterbrochen durch Rückblenden. Es erklingt immer derselbe Song, kühler 80er-Jahr-Titel über einen Telefon-Seelsorger, die Bühne verdunkelt sich. Die acht Akteure, die ansonsten still und starr in weißen Kostümen mit weißen Augenbinden am Bühnenrand sitzen, bewegen sich. Malte wird seiner Lederjacke entkleidet, die Pistole verschwindet. Das Licht wird wieder hell und die „Weißen“ übernehmen Rollen von Personen, die Malte tiefe Verletzungen zugefügt haben.

Es erscheinen Maltes autoritärer, rechthaberischer und unsensibler Vater (Bo Howell), der den Sohn und die wehrlose Mutter (Lisa Schlesies-Janßen) psychisch quält, die Lehrerin (Johanna Bremermann), die ihn grundlos gegenüber einer Mitschülerin (Lilly Extra) sexueller Belästigung beschuldigt, der Fußballtrainer und sein Spieler (Felix Janßen und Tim Geerken), die ihn auf dem Platz mobben und schließlich das Mädchen (Amelie Janßen), das nach einer Fete mit ihm schläft und ihn am nächsten Tag ihrer Freundinnen (Nele Broer und L. Extra) wegen zurückweist.

Die Acht fungieren auch als Chor und deklamieren Texte, Slogans und Informationen zum Hintergrund des Bühnengeschehens. Am Ende, als Malte seine gedemütigten Mitschüler hat laufen lassen, tauchen die Figuren aus seinem Leben zum Epilog noch einmal auf, beteuern ihre Unschuld an seiner Situation und gehen ab. Nur seine Mutter formuliert: „Wir hätten ihn weniger erziehen sollen und dafür einfach liebhaben.“

Neben der überzeugenden Darstellerleistung des ganzen Teams, die das Stück geradezu schmerzhaft realistisch machte, begeisterte auch der Einsatz theatraler Mittel. Die Choreographie bei den Rückblenden und die unglaublich intensive Tanz-Szene über Maltes Liebesnacht fesselten.

Für seine schwer erkrankte Mutter Conni führte Bo Howell Regie. Sein Vater Richard hatte die Bühne gestaltet. My Linh Nyguyen und Lheila Howell hatten geschminkt. Auch die Licht- und Bühnentechniker (Jakob Mendelsohn, Finn-Ole Diekmann, Oliver Kähler und Philipp Emmert) trugen zu der gelungenen Aufführung bei, die das Publikum in der voll besetzten Aula mit anhaltendem, stehendem Applaus bedachte.

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