Bremen Er gilt als härtester Richter Deutschlands, er verurteilte Neonazis zum Döner-Essen mit Türken in Berlin-Kreuzberg und verbot als erster Vorsitzender Springerstiefel in seinem Gerichtssaal – Andreas Müller (51) ist seit 1997 Jugendrichter in Bernau. Wer vor ihm auf der Anklagebank sitzt, hat meist wenig zu lachen. Am Donnerstagabend stellte er im Bremer Presse-Club sein Buch „Schluss mit der Sozialromantik – Ein Jugendrichter zieht Bilanz“ vor.

Aktueller hätte der Termin für die Lesung nicht sein können, erst am Mittwoch war am Landgericht Verden ein 21-Jähriger zu fast sechs Jahren Haft verurteilt worden, weil er im März 2013 einen 25-Jährigen so schwer verletzte hatte, dass dieser an Hirnblutungen starb.

Müller ist überzeugt, dass schnellere Verfahren und das gezielte Verhängen von „Warnschuss-Arresten“, wie er es bezeichnet, zu weniger jugendlichen Intensivtätern führen würden. 15 000 davon sind in Deutschland gelistet, allein 200 leben in Bremen. Für Müller eine „Wahnsinnsmenge“. Und dass er gegen die große Zahl Unbelehrbarer vorgehen will, bewies der zweifache Familienvater erstmals 2000, als er einen 17-Jährigen wegen Sachbeschädigung zu neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilte – ohne Bewährung. Das Urteil sorgte deutschlandweit für Aufsehen. Aus der „milde Müller“, wie er in Fachkreisen genannt wurde, wurde einer der härtesten Richter. Und auch auf der Bühne wird den 150 Gästen im überfüllten Presse-Club bewusst: Der 51-Jährige hat klare Prinzipien, klagt an und bezieht Stellung, was nicht immer auf Gegenliebe stößt.

Er selbst war kein Kind von Traurigkeit. Sein Vater verfiel früh dem Alkohol, der Bruder, lange Zeit in Haft, wurde drogenabhängig. „Der eine kiffte, der andere soff.“ Der gebürtige Emsländer weiß das Publikum mitzunehmen, seit fast 14 Jahren ist er öffentliche Auftritte gewohnt. Und er ist humorvoll, fast ironisch, wenn es darum geht, mit Kritik an seiner Person umzugehen. Doch in einer Sache gibt es für ihn keine Kompromisse: die Rollenbilder von Tätern und Opfern zu verdrehen. Genau dies geschehe, wenn zwischen Tat und Verhandlung zum Teil mehr als ein Jahr verstreiche, wenn in dieser Zeit Zeugen massiv bedroht würden, Jugendliche wieder Straftaten begingen und letztlich mit einer Einstellung des Verfahrens zu rechnen hätten.

„Die Täter lachen den Staat aus!“ Müller fordert daher: Jugendarrest bis zu acht Wochen als präventive Maßnahme, also Knast auf Probe, den Einsatz von Erziehungsrichtern, Opfer- statt Täterschutz und eine stärkere bundesweite Vernetzung aller Behörden und Justizorgane.

Auf 240 Seiten widmet sich Müller nicht nur den Verfehlungen der deutschen Justiz und Politik sowie seiner Begründung, warum Cannabis legalisiert werden sollte, er hat auch warme Worte übrig. Im Besonderen für seine ehemalige Kollegin und Amtsrichterin in Berlin-Tiergarten, Kirsten Heisig, die sich 2010 das Leben nahm. Beide teilten nicht nur die „klare Kante“ in der Urteilsfindung, auch ihr Engagement außerhalb des Gerichts sahen sie als sehr elementar an. Müller will trotz aller Widerstände weitermachen, er fühle sich ihrem Erbe verpflichtet. Eine Voraussetzung bringt er jedenfalls mit: „Angst habe ich keine.“

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