Frage: Hallo, Herr Becker. Wie läuft es in Corona-Zeiten für die KI-Branche?

Becker: Zum Teil gestalten sich Projekte schwieriger, teilweise werden Budgets eingefroren. Wir sehen aber eine weiterhin sehr hohe Nachfrage und arbeiten unter Volllast. Zusätzlich werden wir im zweiten Halbjahr eine starke Automatisierungs- und Digitalisierungswelle als Folge der Corona-Krise erleben. Die Kunden kommen schon jetzt, weil sie merken, bestimmte Dinge funktionieren nicht, weil sie nicht digitalisiert und automatisiert sind. Da stehen Betriebe still, weil die eingehende Post nicht mehr sortiert und verarbeitet werden kann. Mit KI ist die Automatisierung solcher Prozesse kein großes Problem mehr.

Frage: Sie sagen, Bremen ist ein hervorragender Ort für KI-Firmen?

Becker: Bremen hat gemessen an der Einwohnerzahl eine sehr hohe Dichte an KI-Talenten, wahrscheinlich die höchste in Deutschland und vielleicht sogar in ganz Europa. Hier ist zum Beispiel der zweitgrößte Standort des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, dem größten Forschungszentrum zur KI. Das Fraunhofer-Institut Mevis für digitale Medizin und viele andere KI-affine Forschungseinrichtungen sind in Bremen. Und weil die Universität Bremen seit mehr als 20 Jahren einen Schwerpunkt auf das Thema KI gesetzt hat, kommen aus ganz Deutschland und auch aus der ganzen Welt Leute, um hier KI zu studieren. Was den Talent-Pool angeht, brauchen wir uns also hinter dem Silicon Valley nicht zu verstecken. Aus diesem Ökosystem sind bereits diverse Firmen hervorgegangen, die KI anwenden. Wir haben dann im Jahr 2018 Bremen.AI gegründet, weil wir den Transfer des Wissens aus der Forschung in die Wirtschaft besser hinbekommen wollen. Deutschland und besonders Bremen sind in der KI-Forschung Weltklasse, aber wir hinken in der praktischen Anwendung etwas hinterher.

Frage: Wie versuchen sie, die Vernetzung zu erreichen?

Becker: Am besten klappt das, wenn sich Leute persönlich treffen. Dafür haben wir diverse Event-Formate. Zu den Events kann jeder kommen, alle Veranstaltungen sind zudem kostenlos. Es geht darum, zu verstehen, wie KI in der Praxis bereits umgesetzt wird und Menschen damit zu inspirieren. Wir haben auch verschiedenste Special-Interest Formate, von Deep Learning bis hin zu KI-Ethik.

Frage: Wie sehen die Veranstaltungen aus und wie geht Bremen.AI mit der Corona-Krise um?

Becker: Wir versuchen, vor allem Vortragende und Diskussionspartner aus der Region zu gewinnen, um zu zeigen, welche spannenden Dinge es gibt. Wir haben aber auch überregionale Redner. Auf den Haupt-Events haben wir jeweils zwei bis drei Vorträge von 20 bis 30 Minuten und jeweils 20 Minuten, um darüber zu diskutieren. Zu diesen Main-Events kommen rund 200 bis 300 Leute. Wichtig ist uns, dass die sich auch wirklich kennenlernen. Wir geben allen daher am Anfang der Veranstaltung den Auftrag, sich kurz vorzustellen, zwei Minuten je Richtung. Jetzt müssen wegen Corona bis wenigstens nach dem Sommer alle Events digital stattfinden.

Frage: Muss man zwingend Informatik studieren, um in die KI-Branche zu kommen?

Becker: Ein Informatik-Studium hilft, ist aber nicht zwingend. Wichtig ist, dass man programmieren kann. Und ich bin der Meinung, programmieren kann fast jeder lernen. Es ist auch ein Quereinstieg möglich, gerade weil KI einen Paradigmenwechsel bedeutet, in der Art, wie man programmiert. Bisher wurde regelbasiert programmiert, in Wenn-Dann-Beziehungen. KI funktioniert aber beispielbasiert. Man zeigt dem Programm viele Beispiele, von denen es lernt, und schreibt gar nicht so viel Computer-Code. Mindestens genauso wichtig sind die Auswahl und das Kuratieren der Daten, von denen das KI-System lernen soll. Darum ist es interessant, wenn Experten aus anderen Fachbereichen den Schritt in die KI machen.

Roland Becker (44) wuchs in Berlin auf und studierte Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre in Kiel, Berlin, Hamburg und Kapstadt. Schon während seines Studiums gründete er Ende der 90er Jahre seine erste Software-Firma. Weitere Unternehmen folgten.

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