Bremen Der Harms-Prozess nähert sich dem Ende. Die Vorsitzende Richterin erklärte gestern: „Die Kammer ist mit der Beweisaufnahme durch.“ Was heißt: Es muss nur noch über einen Antrag der Staatsanwaltschaft auf Vernehmung von Zeugen entschieden werden; bei Ablehnung könnte nach Einschätzung der Verteidiger bereits plädiert werden.

Gegen den früheren Geschäftsführer von „Harms am Wall“, Hans Eulenbruch, und seinen Bekannten Thomas M. wird seit August 2016 verhandelt. Den Männern werden schwere Brandstiftung und Versicherungsbetrug vorgeworfen. Sie sollen am 6. Mai 2015 einen Raubüberfall vorgetäuscht und das Gebäude in Brand gesetzt haben, um Geld für zerstörtes Inventar zu kassieren.

Das ist das Motiv, das die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift formuliert haben dürfte. Indizien oder Beweise für die Tatbeteiligung der Angeklagten sind in den über 20 Verhandlungstagen weggebrochen. Zuletzt am Freitag. Das zweite, wissenschaftlich fundierte Bewegungsgutachten ergab, dass bei vier Kriterien eine Täterschaft von Thomas M. nicht ausgeschlossen werden kann. Was die Expertise nicht ergab (und auch nicht hätte ergeben können): Die positive Feststellung, dass Thomas M. der Mann auf dem Tätervideo ist.

Genau zu dieser Aussage hatte sich eine von der Anklagebehörde benannte Sportwissenschaftlerin mit Erfahrung in Gangbildern verstiegen. Sie hatte anhand von Videos Bewegungen des Täters mit denen des Tatverdächtigen verglichen. Ein „Gangbild“ zu beurteilen, entspreche „nicht dem Stand der Forschung“, sagt am Freitag der Biologe Dr. Oliver Ludwig, der sich in seiner Promotion mit der visuellen Ganganalyse beschäftigte und ein Buch darüber schrieb. Zu subjektiv, zu unsicher sei die Methode.

Wissenschaftlich dezidiert dagegen die Expertise von Ludwig und Dr. Steffen Dillinger vom Bundeskriminalamt (BKA). Anhand der Außenrotation des Fußes, der Streckung und Rotation des Kniegelenks, Parametern von Sprunggelenk, Rumpf und Becken suchten sie nach Bewegungen außerhalb des Normbereichs. Nur die können verglichen werden. Bei vier von 15 Parametern kommen die Biologen zum Ergebnis, dass die Bewegungen auf dem Täter- und dem Vergleichsvideo „außerhalb der Norm“ sind. Deshalb kann hier eine Identität von Täter und Tatverdächtigem nicht ausgeschlossen werden. Sie ist aber auch nicht zwingend vorhanden.

Das scheint alles zu sein, was von der Anklage übrig geblieben ist. Dennoch lehnt der Staatsanwalt es ab, einer von den Verteidigern beantragten Aufhebung der Haftbefehle zuzustimmen. Da muss selbst ein beisitzender Richter nachfragen. Bei der Begründung gerät der Staatsanwalt auch juristisch ins Stammeln. Er spricht von dringendem Tatverdacht und Verdunkelungsgefahr. Letztlich erklärt er nichts anderes, als dass die Haftbefehle bereits außer Vollzug gesetzt seien – und deshalb aufrechterhalten bleiben könnten. Der Prozess wird am 29. März fortgesetzt.

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