Bevor die Plädoyers gehalten werden sollen, verlas die Kammer am Dienstag ein Urteil aus dem Jahr 2010. Der Vorwurf gegen einen der jetzt Angeklagten lautete damals versuchter Totschlag. Der heute 34-jährige Saindi B. wurde freigesprochen – weil sich Zeugen nicht erinnern konnten, wie sie sagten.

Die jetzige Anklage wirft den Männern vor, im August 2016 von einem Mann 30 000 Euro erpresst zu haben, obwohl sie auf das Geld keinen Anspruch gehabt hätten, hieß es zu Prozessauftakt im März dieses Jahres. Dazu sollen der 34-jährige Saindi B. und sein mutmaßlicher Komplize, der 28 Jahre alte Said E., sowie drei weitere Männer den mutmaßlich Geschädigten gleich zweimal aufgesucht und ihrer Forderung mittels Tritten und Schlägen Nachdruck verliehen haben. Als der Mann sich gegen die Angriffe zur Wehr setzte, drohten die Angeklagten ihm mit einem Messer, lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

Zudem fanden Polizeibeamte bei einer Verkehrskontrolle ein Sturmgewehr und eine Maschinenpistole samt mehr als 100 Schuss Munition im Kofferraum eines BMW, mit dem die Angeklagten unterwegs waren. Die Angeklagten sollen „Teil einer Gruppierung“ sein, „die sich zur Fortsetzung von Raub- und Erpressungsdelikten zusammengeschlossen hatte“, hieß es zu Prozessauftakt.

Wie am Dienstag deutlich wurde, hat zumindest Saindi B. bereits einschlägig Bekanntschaft mit dem Landgericht Bremen gemacht. Im Jahr 2010 musste sich der damals 27-Jährige wegen versuchten Totschlags verantworten und wurde im November desselben Jahres freigesprochen. Dem Mann wurde im damaligen Verfahren vorgeworfen, Anfang 2006 zusammen mit drei Beteiligten die Bremer Discothek „Mirage“ aufgesucht und den Chef mit Baseballschlägern brutal zusammengeschlagen zu haben. Mehrere „gezielte Schläge gegen Kopf, Augen und Beine“ musste der Mann damals einstecken – zur Rechenschaft wurde niemand gezogen. Das Landgericht, so verlas es der Vorsitzende Richter Jens Florstedt am Dienstag, sprach Saindi B. „aus tatsächlichen Gründen“ frei.

Mehrere Zeugen sowie das mutmaßliche Opfer hatten die damaligen Angreifer nicht zweifelsfrei identifizieren können, hieß es im Urteil vom 5. November 2010. Überwachungskameras oder DNA-Spuren lagen laut Urteil ebenfalls nicht vor. Das Gericht hatte einen über mehrere Jahre andauernden Streit zwischen den Betreibern der Disco, Türstehern und Tschetschenen, zu denen die jetzt Angeklagten auch gehören, rekonstruieren können, doch am Ende sei nicht mit Sicherheit feststellbar gewesen, ob der heute 34-Jährige tatsächlich an der Attacke beteiligt gewesen sei. Saindi B. hatte damals behauptet, er habe „Bekannten aus Spanien“ von den Streitigkeiten erzählt und diese hätten sich um „die Angelegenheit gekümmert“. Eine direkte Tatbeteiligung hatte der Mann stets bestritten, wie im Urteil von 2010 festgehalten ist.

Der aktuelle Prozess wegen schweren Raubes wird am 5. September fortgesetzt. Dann ist mit den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung zu rechnen.

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