Helgoland Er hatte eine Ahnung. Ein ungutes Gefühl, als sie auf den havarierten Rettungskreuzer zufuhren. Niemand zu sehen an Bord. Zu hören nur der Sturm, die Wellen, tosend und wütend schlugen sie um sich. Das Wasser rot vom aufgewühlten Sand, und weil sie nicht rankamen an das gewaltig zur Seite schlingernde Schiff, schossen sie mit Signalpistolen auf das, was vom Turm übrig geblieben war. Fünf Schuss. Hallo? Keine Antwort. Die Adolph Bermpohl, Stolz der deutschen Seenotretter von Helgoland, lag da wie ein Geisterschiff.

Ein Freund erinnert sich an die Vier Seemänner, die am 23. Februar 1967 im Orkan umkamen

Paul Denker gehörte zur Besatzung der „Adolph Bermpohl.

Günter Kuchenbecker war einer der vier Männer, die im Sturm umkamen.

Hans-Jürgen Kratschke blieb auf See – seine Leiche wurde nie gefunden.

Otto Schülke liegt mit seinen Kameraden auf der Insel „Düne“ begraben. Hinrich Pick war gut mit den Seemännern der „Bermpohl“ befreundet.

Die Leichen der Besatzung fanden sie drei Monate später. Paul Denker. Otto Schülke. Günter Kuchenbecker. Nur der Jüngste, Hans-Jürgen Kratschke, 28 Jahre alt, Vater eines Jungen und eines Mädchens, blieb für immer verschollen, die Nordsee gab ihn nie wieder her. Alle vier waren bei dem Versuch gestorben, anderen Seeleuten das Leben zu retten. Doch vergebens: Auch die zunächst geborgenen Fischer Jakob Vos (28), Schelto Westerhuis (27) und Rommert Bijma (32) kamen ums Leben.

„Sie hatten den letzten, den höchsten Einsatz gebracht“, sagte Pastor Morschel bei der Trauerfeier für die Opfer. Draußen vor dem Gemeindehaus von Borkum heulte noch immer der Sturm. Bundespräsident Heinrich Lübke telegrafierte: „In Gedanken bin ich bei Ihnen und bei allen, die um die Besatzung trauern.“

Frage nach dem Warum

Hinrich Pick, den alle nur Hinnerk nennen, hat sich in seinem Leben oft die Frage nach dem Warum gestellt. Jetzt sitzt er da in seinem Wohnzimmer in Kosel nahe Eckernförde, ein großer, schlanker Mann mit durchdringend blauen Augen, er spricht in weichem Platt, und er sagt, er habe lange zu knabbern gehabt an jenen Ereignissen vor 50 Jahren. Pick ist Zeitzeuge, er ist Überlebender jenes Orkans, der damals mit Geschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern in der Deutschen Bucht toste und von dem alte Helgoländer sagen, so etwas hätten sie in ihrem Leben noch nicht erlebt.

Reihenweise funkten die Schiffe SOS; im Wattenmeer drohte das Fahrgastschiff Kapitän Christiansen zu stranden, das dänische Küstenmotorschiff Else Priss sank, die J. C. Wrieden benötigte dringend Hilfe, überall in der Bucht waren Einheiten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) im Einsatz, und mittendrin Pick, damals 25 Jahre alt, Steuermann auf dem Fahrgastschiff Atlantis. Hölle von Helgoland nannte man die Ereignisse später.

Vor Pick auf dem Tisch liegen Fotos und alte Zeitungsausschnitt.Vor allem im Kopf geblieben ist ihm das Bild der havarierten Bermpohl, wie sie mit noch laufendem Motor und zerstörten Backbordfenstern 13 Seemeilen südlich von Helgoland im Wasser liegt. „Es war nicht einfach für uns“, sagt er. Die Machtlosigkeit, nichts tun zu können wegen der rauen See, abzudrehen mit hängendem Kopf und dem Wissen, dass die Dinge außer Kontrolle geraten sind, es fühlte sich nicht gut an, davonzukommen. Trauriges, glückliches Schicksal.

Die Bermpohl, das war der größte und modernste Schiffstyp der Seenotretter seiner Zeit. Erbaut 1965 bei Abeking & Rasmussen in Lemwerder, 26,66 Meter lang, 5,6 Meter breit, Höchstgeschwindigkeit 24 Knoten, Tiefgang: maximal 1,62 Meter, ausgestattet mit dem Tochterboot Vegesack und so konstruiert, dass sich das Schiff immer wieder aufrichtet, selbst wenn es kopfstünde. Und dass es benannt wurde nach Adolph Bermpohl, einem der Gründer der Deutschen Seenotrettung, ist eine weitere tragische Facette dieser Geschichte.

Das Unglück um die Bermpohl, das Bangen und Hoffen, die von Elbe-Weser-Radio unbeantworteten Rufe, monoton, die ganze Nacht, hallo Bermpohl, niemand meldete sich; für Hinnerk Pick sind die Ereignisse untrennbar mit seinem Leben verbunden. Es waren gute Jungs, sagt er ein halbes Jahrhundert später, und er erzählt, wie es war in jenen Stunden, die ihm fast das Herz brachen. Es gibt ein Schwarz-Weiß-Foto von diesem Tag. Zu sehen ist die Atlantis; der Kahn, mehr unter als über dem Wasser, die kochende See, fliegende Gischt.

„Jetzt ist Schluss“

Am Ruder steht Hinnerk Pick, 25 Jahre alt, auf dem Weg von Cuxhaven nach Helgoland. Nur mit einem riskanten Manöver wird er das Schiff Augenblicke später in den Südhafen retten. „Das war der Moment, wo ich dachte, jetzt ist Schluss“, sagt er, seine Finger kramen zwischen den Bildern, er erzählt von der Ohnmacht, von der Trauer. „Wir waren alle sehr gut befreundet“, sagt er am Ende.

Pick ist sein ganzes Leben selbst zur See gefahren. Wie sein Vater, wie sein Großvater, alle sind sie draußen gewesen. Vom Fenster seines Elternhauses auf Spiekeroog konnte er das Mahnmal für die Johanna sehen, das Auswandererschiff, das 1884 auf dem Weg in die neue Welt vor der Insel strandete, beinahe 80 Menschen ertranken.

Er war bei Hapag-Lloyd beschäftigt, er war auf der Bremen, er fuhr auf der Berlin, er hat 1962 vor Kuba die Kubakrise mitgemacht. Mit 57 ging er in Seemannsrente und arbeitet seither ehrenamtlich für die DGzRS in Eckernförde. Es hat vieles mitgemacht in all den Jahren. Er sagt: „Wenn ich das alles erzählen soll, sitzen wir morgen noch hier.“ Das Meer sei ein stummer Zeuge, heißt es. Unberechenbar, unsentimental. Es macht keinen Unterschied zwischen denjenigen, die helfen, und denjenigen, die in Not geraten sind. Das Meer ist klassenlos. Wie der Tod.

164 Menschen rettete die Bermpohl bis zu jenen schicksalhaften Ereignissen, und als sie am 23. Februar 1967 auslief, tat es die vierköpfige Crew mit routinemäßiger Ruhe. In einem Zeitungsbericht zu den Ereignissen wird es später heißen: „Die Besatzung zeigte stets nautisch wie seemännisch hervorragendes Können.“ Pick sagt: „Das waren alles erfahrene Seemänner. Die wussten in dem Fall ja auch nicht, wie das mal enden würde.“

Als die Bermpohl verunglückte, war sie mitten im Orkan unterwegs, um den drei Seeleuten auf dem niederländischen Kutter Burgemeester van Kampen beizustehen. Die Van Kampen hatte Wassereinbruch gemeldet, und während es zunächst schien, als würden die Dinge ihren gewohnten Gang gehen, es war ja immer gut gegangen, all die Jahre, kein Grund zur Sorge also, irgendwann aber kippten die Ereignisse.

Das letzte jedenfalls, was die Bermpohl funkte, war: „Haben die drei Besatzungsmitglieder abgeborgen. Das Schiff ist aufgegeben. Fahren mit dem Tochterboot getrennt nach Helgoland. . . die Fahrt wird also länger dauern.“

Am nächsten Morgen wird der Seenotkreuzer südöstlich von Helgoland gefunden, und es ist ausgerechnet Hinnerk Pick, der von der Atlantis auf dem Weg zurück nach Cuxhaven den ramponierten Kreuzer zuerst entdeckt. Nur helfen, das kann er nicht, sein Schiff ist nicht gerüstet für solche Fälle, am Ende wird die Bermpohl nach mehrfachen Versuchen vom Schwesterschiff Arwed Emminghaus geborgen und in den Hafen Cuxhaven geschleppt; ein trauriger Tross, geschlagen in einer Schlacht mit ungerecht verteilten Rollen.

In den Stunden und Tagen nach den Ereignissen kochen die Emotionen hoch. Wie konnte das passieren? Wer ist schuld?

Und auch wenn sich nie genau klären lassen wird, was sich in diesen Stunden auf der Nordsee ereignete: Experten glauben, dass die Bermpohl auf die Untiefen-Region des Sellebrunn-Riffs nördlich von Helgoland geriet, wo sich die anlaufenden Seen zu Monsterwellen auftürmten; vermutlich wurde der Kreuzer beim Versuch, die stark geschwächten Schiffbrüchigen an Bord zu nehmen, auf sein Tochterboot Vegesack gedrückt. Die Wellenhöhe soll in diesem Augenblick 10 bis 15 Meter betragen haben. Die Männer wurden über Bord gespült.

Friedhof der Namenlosen

Hinnerk Pick ist jetzt 75 Jahre alt. Die meiste Zeit seines Lebens war er Steuermann, er möchte die Zeit nicht missen, trotz allem. Vor einigen Tagen gab er bei der DGzRS sein Diensthandy zurück, er will, wie er sagt, vernünftig ums Leben kommen.

Einen Kilometer entfernt von Helgoland liegt die Insel Düne. Zwischen Sanddornbüschen liegt der Friedhof der Namenlosen, Gedenkstätte für all jene, die das Meer an die Strände spülte oder die ihr Leben auf See verloren. Und es gibt einen Stein für die Besatzung des Seenotkreuzers Adolph Bermpohl: zur Erinnerung an diejenigen, „die während ihres Einsatzes für die in Not geratenen Mitmenschen auf See geblieben sind“.

Unvergessene Namen auf dem Friedhof der Namenlosen.

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