Leer Dr. Christoph Seeber hat wenig Zeit, nach der Sprechstunde in seiner Praxis hat der Facharzt für Allgemeinmedizin einen Termin nach dem nächsten. Was er sagt, schlägt hohe Wellen: In seiner Praxis in Leer (Ostfriesland) werden keine Impfgegner mehr behandelt. In relativ kurzer Zeit seien mehrere Impfgegner in seine Praxis gekommen – und das, nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO erst kürzlich Impfgegner zur globalen Gefahr erklärt hatte.

Dr. Christoph Seeber (Foto: Privat)

Eine Frau berief sich auf eine Studie, die nachweislich gefälscht war, so Dr. Seeber. Die Studie sollte einen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfen zeigen. Eine weitere Patientin fürchtete giftige Stoffe in der Impfung. Momente, die beim Mediziner Seeber das Fass zum Überlaufen brachten. „Da war kein Vertrauen mehr da und da habe ich als Arzt auch das Recht zu sagen: ,Bitte suchen Sie sich eine andere Praxis‘.“ Eine Patientin war rund zehn Jahre in der Praxis. Überzeugen ließ sie sich nicht.

Das Argument der Impfgegner, er würde das doch des Geldes wegen machen, bringt den 52-Jährigen fast auf die Palme. „Ich kriege keinen Cent von der Pharmaindustrie“, betont Seeber. Pharmareferenten hätten in seiner Praxis Hausverbot. Außerdem sei er seit Jahren Mitglied der Vereinigung unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte. Reich werde man durch Impfungen nicht.

„Mir geht es nicht darum, zu diffamieren oder zu sagen ‚Ätsch, du bleibst jetzt draußen‘“, sagt Seeber. Es gehe ihm darum, Leid zu verhindern und aus Ungeimpften Geimpfte zu machen. Da denke er in allererster Linie an Kinder oder diejenigen, die nicht für sich selbst sprechen können. „Bei Impfgegnern hört mein Verständnis auf“, fügt Seeber hinzu. „Sie gefährden die Gemeinschaft.“

Verhalten des Arztes „vollkommen legitim“

Generell dürfen Ärzte Patienten ablehnen, wenn das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Parteien gestört ist, sagt Helmut Scherbeitz, Geschäftsführer der Bezirksstelle Oldenburg der Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN). „Hier gibt es eine ausdrückliche Regelung zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung und den Krankenkassen.“ Im Fall von Dr. Christoph Seeber gab es eben äußerst konträre Meinungen – dann sei das Verhalten des Arztes auch vollkommen legitim.

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Abgesehen von Impfgegnern komme es immer mal wieder vor, dass Ärzte Patienten abweisen, wenn das Vertrauensverhältnis gestört ist. „Es gibt hin und wieder Patienten, die sehr fordernd sind und der Meinung sind, dass sie alles bekommen.“ Speziell zum Thema Impfgegner habe die KVN Oldenburg lange keine Anfragen mehr von Ärzten bekommen. Schwerpunktmäßig komme das bei Kinderärzten vor. Aber auch Allgemein-Medizinern fragen von Zeit zu Zeit bei der KVN an.

„Die Impfgegner sind definitiv in der Minderheit“, so Helmut Scherbeitz. Es sei weiterhin eine Außenseitermeinung, sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten. Die breite Masse halte Impfungen für eine wichtige und wirksame Methode.

Harsche Worte oder richtig gehandelt?

Die Resonanz auf Seebers Entscheidung, Impfgegner abzulehnen, ist überwiegend positiv. Viele seiner Patienten würden sein Handeln begrüßen – welches sogar bundesweit für Aufsehen sorgt. Und irgendwie, sagt er, gebe das ihm ja auch Recht. Die meisten seien Impfbefürworter – und für die anderen sei er eben ein rotes Tuch. Unter Kollegen ist die Meinung geteilt: „Die einen sagen, es waren viel zu harsche Worte“, sagt Seeber. Die anderen wiederum meinen: „Mensch, das hätte ich auch gerne mal gesagt.“

Bei Impfungen gehe es um den individuellen Schutz und um den Schutz der Gemeinschaft. Nur weil der Großteil der Bevölkerung geimpft ist, könnten es sich Impfgegner leisten, sich darauf auszuruhen, meint Seeber. „Die Masern sind wegen der Impfgegner nicht weg“, ärgert sich der Mediziner. „Wenn sich jeder impfen ließe, dann ließen sich die Masern ausrotten.“ Dr. Christoph Seeber sieht nun Gesundheitsminister Jens Spahn in der Pflicht, endlich die Impfpflicht einzuführen.

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Tonia Hysky Redakteurin / Politikredaktion
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