Emden An einem Septemberdienstag klingelte bei Familie Y. in Emden die Kriminalpolizei. Die Polizisten zeigten Herrn Y. einen Gerichtsbeschluss, dann durchsuchten sie sein Haus. Sie klemmten den Computer von Herrn Y. ab und nahmen ihn mit, ebenso wie sämtliche Speichermedien, die sie im Haus fanden.

Familie Y. wurde damals von einer Familienhelferin betreut, weil es Anzeichen für eine Vernachlässigung des neunjährigen Sohnes gegeben hatte. Herr und Frau Y. erzählten der Familienhelferin, dass die Polizei gegen Herrn Y. ermittle, weil er illegale Computerspiele verkauft habe. Die Familienhelferin glaubte den beiden nicht.

Zigtausend Dateien

Sie sprach mit Holger L., dem zuständigen Mitarbeiter im Jugendamt der Stadt Emden. Konnte es vielleicht sein, dass Herr Y. mit Kinderpornografie zu tun hatte? Holger L. fragte, ob es sexuelle Auffälligkeiten des Kindes gab. Die Familienhelferin wusste es nicht.

Die Familienhelferin kam noch zweimal wieder, sie machte sich Sorgen. Jetzt rief Holger L. bei der Polizei an. Die Polizei bestätigte den Verdacht: Sie hatte bei Herrn Y. zigtausend Dateien mit kinderpornografischem Material sichergestellt. Herr Y. war aufgefallen, weil er in einem Pädophilen-Netzwerk Kinderpornos ausgetauscht hatte.

Holger L. konnte es nicht fassen: „Sie müssen mich doch informieren!“, herrschte er den Ermittler an. „Da lebt ein Kind im Haushalt!“

Er fuhr zu Familie Y. Übernächtigt öffnete Herr Y. die Tür. Im Haus waren die Vorhänge zugezogen, auf dem Tisch stand ein neuer Computer. Auch auf diesem Computer fand die Polizei später kinderpornografisches Material. Noch am selben Tag nahm Holger L. den Sohn der Familie in die Obhut der Stadt.

Herr Y. wurde eineinhalb Jahre später zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Neben Beschaffung, Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie warf man ihm „bandenmäßiges Vorgehen“ vor. Sein Sohn blieb in Betreuung.

Holger L. war empört. Er warf der Polizei Gefährdung von Kindeswohl vor; er beschwerte sich bei seinen Vorgesetzten. „Ein Anruf hätte doch genügt“, sagte er.

Das ist die Stelle, an der die traurige Geschichte der Familie Y. endet. Es beginnt die traurige Geschichte des Holger L.

Holger L., 38 Jahre alt, gelernter Möbeltischler, studierter Sozialpädagoge, sagt: „Ich wurde dieses Unbehagen nicht los.“ Da trennte sich auch noch seine Frau von ihm, sie zog mit den drei Kindern weg. Holger L. wurde krank, „Burnout“, sagt er. Nur langsam fand er in den Beruf zurück, jetzt kümmerte er sich um die Jugendgerichtshilfe.

Bis wieder etwas passierte. L. betreute eine Jugendliche, die wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt angeklagt war. Das Mädchen wurde verurteilt, „zu Unrecht“, wie L. fand. Er witterte ein weiteres Fehlverhalten der Polizei: Hatte der Polizist nicht das Mädchen brutal geschlagen? „Mein Vertrauen in die Polizei war weg“, sagt Holger L.

Es knallt. Und wie.

Einen Tag nach der Gerichtsverhandlung machte Holger L. seine Sichtweise des Falls öffentlich. Er schrieb die örtlichen Zeitungen an und alle Kollegen der Stadtverwaltung. Die Presse berichtete, Oberbürgermeister Bernd Bornemann (SPD) distanzierte sich öffentlich von seinem Mitarbeiter. Holger L. wurde ins Rathaus einbestellt, „man wollte mir einen Maulkorb anlegen“, sagt er. Er blieb stur, er wurde abgemahnt, er verlor seinen Job.

Seine Frau war weg. Seine Kinder waren weg. Sein Einkommen war weg. Bald würde auch sein Haus weg sein.

Hallo? Hörte ihm denn niemand zu? Es ging doch um die gefährdeten Kinder!

„Ich wollte, dass es knallt“, sagt Holger L.

Es knallte. Und wie.

Holger L., ohne Arbeit, feierte nächtelang. Er tanzte, barfuß. Er schrieb E-Mails, in denen er Polizisten schlimm beleidigte, Staatsanwälte, den Oberbürgermeister. Er schrieb eine weitere E-Mail, in der er in großem Verteiler ankündigte, er sehe sich nun als „bislang überzeugter Pazifist“ in der Lage, dem Oberbürgermeister „eine Schusswaffe an die Stirn zu setzen und ihm eine Kugel in den Kopf zu schießen“.

Die örtlichen Zeitungen titelten: „Ex-Mitarbeiter drohte Emder OB mit Mord!“

Jetzt kam die Polizei zu Holger L. nach Hause, „acht Mann“, sagt er. Die Polizisten durchsuchten sein Haus nach Waffen, dann brachten sie L. in die Psychiatrie.

Holger L. ließ sich freiwillig behandeln. Die Ärzte diagnostizierten eine Bipolare affektive Störung bei ihm.

Holger L. sagt, er habe gar keine Schusswaffe.

„Aber man kann nun mal nicht sachlich auf die Barrikaden gehen“, glaubt er. Hörte ihm denn immer noch keiner zu? „Ein Anruf genügt!“, forderte er wieder und wieder.

Den Kripoermittler, der ihn im Fall Y. nicht informiert hatte, zeigte er wegen unterlassender Hilfeleistung an. Die Staatsanwaltschaft stellte fest, dass es im Haus Y. keine konkreten Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch durch den Kindesvater gegeben habe. „Insoweit kann es diesbezüglich auch keine Hinweise auf eine objektiv unmittelbar bevorstehende Straftat zum Nachteil des Jungen gegeben haben, auf die der Beschuldigte zum Schutz des Kindes hätte reagieren müssen.“ Die Ermittlungen wegen unterlassener Hilfeleistung wurden eingestellt.

Wie gefährdet sind Kinder von Vätern mit pädophilen Neigungen?

An der Universität Regensburg wird diese Frage zurzeit im „Mikado“-Projekt erforscht. Belastbare Ergebnisse liegen noch nicht vor, heißt es. Auch beim Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ an der Berliner Charité kennt man „keine pauschalen Antworten“. Pressesprecher Jens Wagner sagt: „Wir wissen, dass wir das konsumieren, was wir begehren.“ Zum Zusammenhang von Kinderporno-Konsum und Missbrauch gelte deshalb bislang lediglich der Satz: „Es kann sein, es muss nicht sein.“

Vor Gericht

Weil es sein kann, gibt es im Sozialgesetzbuch VIII den Paragrafen 8a, „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“. Paragraf 8b konkretisiert: „Personen, die beruflich in Kontakt mit Kindern oder Jugendlichen stehen, haben bei der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung im Einzelfall (...) Anspruch auf Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft.“

Beim Landeskriminalamt in Hannover gibt es eine Richtlinie zum Umgang mit Kinderpornografie, nach der die Polizei „im Bedarfsfall“ das Jugendamt informieren soll. Beim Kinderschutzbund in Berlin appelliert man an „ressortübergreifendes Denken“ und sieht die „örtlichen Netzwerke“ in der Pflicht. In Emden gibt es einen entsprechenden „Berater-Pool“, sagt Stadtsprecher Eduard Dinkela. Er betont die „vertrauensvolle“ Zusammenarbeit von Polizei und Stadtspitze.

Soll heißen: Es gibt keine Vorschrift zur Information des Jugendamtes. Dem stehe ja auch die Unschuldsvermutung entgegen, die auch dann noch gelte, wenn ein Kriminalpolizist bei Herrn Y. an der Tür klingle, erläutert die Staatsanwaltschaft.

Das Amtsgericht Emden verurteilte Holger L. wegen Beleidigung in vier Fällen, „begangen im Zustand erheblicher Schuldunfähigkeit“, zu einer Geldstrafe. An diesem Donnerstag steht L. abermals vor Gericht, diesmal wegen Bedrohung. Der Oberbürgermeister hat Strafantrag gestellt.

L. sagt, es tue ihm leid, dass er so ausfallend geworden sei, „aber es musste knallen“.

Die Ärzte haben Holger L. neben der Bipolaren Störung auch eine Anpassungsstörung attestiert. Das bedeutet, er kann sich nicht mit einer Situation abfinden. „Ich bin ganz froh, dass ich diese Störung habe“, sagt Holger L.

Denn das Grundproblem sei ja immer noch nicht gelöst: „Ein Anruf genügt – diese Regel muss endlich eingeführt werden!“

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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