Delmenhorst /Oldenburger Land Schon seit Tagen schmerzt der Rücken. Wird schon wieder. Oder auch nicht. Am Samstagabend sind die Schmerzen unerträglich. „Wäre ich doch nur im Laufe der Woche schon zum Arzt gegangen“, denkt der Patient sich und wählt die 116117, was in diesem Fall völlig richtig ist. Unter der bundesweiten Rufnummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst erfährt der 49-Jährige, dass der diensthabende Bereitschaftsarzt aus einem Nachbarlandkreis kommt und gerade noch mit einer anderen Behandlung beschäftigt ist. Es kann also Stunden dauern, bis der Mediziner den Patienten zu Hause besuchen kann. Doch so lange will der Mann mit den starken Rückenschmerzen nicht warten und fordert den Rettungsdienst an, obwohl dieser nur gerufen werden sollte, wenn Lebensgefahr besteht. „Die Zahl der Hausärzte wird als rückläufig prognostiziert“, betont Helmut Scherbeitz, Geschäftsführer der Bezirksstelle Oldenburg der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), und warnt: „In einigen Regionen, besonders im ländlichen Raum, drohen in den nächsten Jahren Versorgungsengpässe.“

Genau an dieser Stelle setzt ein medizinisches Projekt ein, das ab dem 1. Juli in der Stadt Delmenhorst sowie in den ländlich geprägten Gemeinden Ganderkesee (Landkreis Oldenburg) und Lemwerder (Wesermarsch) getestet wird und Modellcharakter für ganz Niedersachsen haben könnte.

An drei Tagen pro Woche (freitags bis sonntags) wird ein mehrstufiges System mit Hilfe telemedizinischer Methoden eingesetzt, welches es Gesundheitsfachkräften ermöglicht, bei Bedarf einen Arzt virtuell zuzuschalten und mit ihm eine Behandlung in die Wege zu leiten. „Der Einsatz von Notdienstärzten vor Ort kann so deutlich reduziert werden, bei gleicher Versorgungsqualität“, betont Scherbeitz.

Ruft also ein Patient wie etwa der eingangs erwähnte Mann mit den Rückenschmerzen an, fährt ein speziell ausgebildeter Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe (Rettungsassistent, Notfallsanitäter oder Krankenpfleger) direkt zum Patienten nach Hause. Er untersucht den Patienten und kontaktiert bei Bedarf den Bereitschaftsarzt. Dazu stellt er die Verbindung über ein spezielles telemedizinisches Gerät her, das diverse Gesundheitsdaten übermitteln kann und eine Videoübertragung herstellt. Durch den Sichtkontakt kann sich der Arzt dann selber ein Bild von der Situation beim Patienten machen. Eine Methode, die laut Dr. Daniel Overheu, ärztlicher Leiter Telemedizin am Klinikum Oldenburg, schon jetzt erfolgreich in Offshore-Windparks eingesetzt wird. „Was irgendwo im Nirgendwo der Nordsee funktioniert, sollte sich an Land auch darstellen lassen“, ist Overheu von dem Erfolg des Projektes überzeugt.

Das System wird ab dem 1. Juli in Delmenhorst, Ganderkesee und Lemwerder jeweils am Wochenende von freitags, 21 Uhr, bis montags, 7 Uhr, getestet. Ausnahme sind die Zeiten, wenn die jeweilige Bereitschaftspraxis geöffnet hat. Die in allen nicht lebensbedrohlichen Fällen zu wählende bundesweite Rufnummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst – die 116117 also – wird dann entweder zur Telefonzentrale der Johanniter oder zur jeweiligen Bereitschaftspraxis geleitet.

Lars Laue Korrespondent / Redaktion Hannover
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