Delmenhorst Eingeschlagene Scheiben, Stacheldraht, abgebrochenes Mauerwerk, stillgelegte Gleise, Schottersteine und hochgewachsenes Unkraut – der ehemalige Rangierbahnhof am Winterweg in Delmenhorst wäre der perfekte Drehort für einen schaurigen Tatort. Doch die schrecklichen Szenen, die sich hier am Stadtrand zwischen einem Hotel und einer bürgerlichen Wohnsiedlung abgespielt haben, sind bittere Realität.

Schlupfloch im Zaun

Bild: Lars Laue
Eine 51-jährige Frau und ihr 29-jähriger Lebensgefährte hatten den einstigen Güterbahnhof aufgesucht, um hier eine Bleibe zu finden. Vermutlich durch ein Schlupfloch im Draht des komplett eingezäunten Geländes gelangten die beiden auf das etwas abgelegene Grundstück – und richteten sich hier unter Garagendächern ein. So weit sind Polizei und Staatsanwaltschaft mittlerweile. Was dann geschah, ist noch unklar. Fest steht nur, dass die 51-jährige Polin in der Nacht von Freitag auf Samstag von ihrem Lebensgefährten auf dem düsteren Bahngelände aufgefunden wird – leblos. Wie Untersuchungen später ergeben, starb die Frau an schweren Misshandlungen. Ihrem Lebensgefährten muss sich ein Bild des Grauens geboten haben. Einen Tatverdacht gegen den 29-Jährigen gebe es nicht, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Oldenburg, Torben Tölle.

Die Getötete hatte zuvor im Delmenhorster Problemviertel Wollepark gelebt. Die Stadt hatte zwei völlig heruntergekommene Hochhäuser zum 1. November für unbewohnbar erklärt, geräumt und verriegelt, darunter auch das mit der Hausnummer 12 – die frühere Adresse der 51-Jährigen. Für eine Passantin, die neben dem ehemaligen Rangierbahnhof gerade mit ihrem Hund spazieren geht, „ein Unding“. „Die Stadt kann doch nicht einfach die Häuser räumen und verrammeln – und die Leute müssen dann gucken, wo sie bleiben“, empört sich die Spaziergängerin über die Verwaltung.

Deren Sprecher Timo Frers hält dagegen und erklärt, dass die tödlich misshandelte obdachlose Frau seit Mai 2016 nicht mehr in dem jüngst gesperrten Wohnblock im Brennpunktviertel Wollepark gemeldet gewesen sei. Die Polizei habe damals festgestellt, dass die Frau dort nicht mehr wohne, daher sei sie von Amts wegen abgemeldet worden, teilte Frers am Mittwoch mit.

Widersprüche

Torben Tölle von der Staatsanwaltschaft verweist dagegen auf den Lebensgefährten der Frau: Er behaupte, dass er mit dem späteren Opfer bis zum 31. Oktober in einem der nun verschlossen Häuser gelebt habe. „Auch wenn jemand abgemeldet ist, kann er oder sie doch noch in einer Wohnung leben“, sagte Tölle.

Von Beginn der Gas- und Wassersperrungen bis zur Schließung der Gebäude Am Wollepark 11 und 12 am 1. November 2017 habe der Allgemeine Soziale Dienst der Stadt Delmenhorst täglich die Situation in den Häusern beobachtet, Gespräche mit Bewohnern geführt, Hilfe angeboten und insbesondere Familien mit Kindern intensiv betreut und unterstützt, argumentiert Stadtsprecher Frers.

Stadtverwaltung, Diakonie, Quartiersmanagement sowie das Nachbarschaftsbüro Wollepark hätten stets allen in den Häusern Am Wollepark 11 und 12 angetroffenen Bewohnern Hilfe und Unterstützung angeboten und sie auf die Möglichkeit hingewiesen, in einer städtischen Notunterkunft unterzukommen.

„Die Stadt Delmenhorst bedauert es sehr, unter welch tragischen Umständen die 51-Jährige ums Leben gekommen ist“, sagt Frers. Die menschliche Tragödie auf der einen Seite dürfe jedoch nicht mit der bauordnungsrechtlich unerlässlichen Schließung der beiden Gebäude im Wollepark auf der anderen Seite in Zusammenhang gebracht werden.

Unterdessen sucht die Diakonie nach weiteren Menschen, die durch die Schließung der maroden Wohnblöcke Am Wollepark 11 und 12 nun keine Bleibe mehr haben. Seit dem Beginn der Auseinandersetzungen um die Wohnblöcke im April seien zahlreiche Menschen von dort einfach verschwunden, sagte Diakonie-Geschäftsführer Franz-Josef Franke am Mittwoch. „Etliche waren dort nicht gemeldet und haben in den Wohnungen mitgewohnt. Wir wissen nicht, wo diese Menschen geblieben sind.“

Eine von ihnen könnte die zu Tode misshandelte 51-Jährige gewesen sein. Ingolf Kunze jedenfalls, er lebt seit 25 Jahren auf der Straße, macht das Geschehene „große Angst“. „Das ist einfach nur grauenhaft“, sagt der 66-Jährige und schiebt seinen Rollator vom Delmenhorster Bahnhof aus Richtung Innenstadt.

Der Blaulichtblog für den Nordwesten

Lars Laue Korrespondent / Redaktion Hannover
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.