Borkum Die Wolken hängen tief über Borkum, das von oben betrachtet an diesem Freitagmorgen fast wie eine verborgene Insel erscheint. Grau in grau, eine dicke Suppe, es nieselt, als die Maschine sanft auf dem Flugplatz landet. Auf den Straßen herrscht wenig Betriebsamkeit, nur vereinzelt trifft man im Ortszentrum und am Strand auf Fußgänger und Fahrradfahrer. Die Menschen wirken gedankenversunken, entspannt, strahlen eine große Ruhe aus.

Der Trubel der zurückliegenden Tage hat sich gelegt. Nach der Havarie des Riesencontainerschiffs „MSC Zoe“, das in der Nacht auf den 2. Januar auf dem Weg von Antwerpen nach Bremerhaven neuesten Angaben zufolge in der Nordsee 291 Container verloren haben soll, wird zwar noch immer angespültes Containergut eingesammelt, doch die Borkumer Strände wirken insgesamt sehr aufgeräumt. An diesem Freitag sei nicht viel in Borkum angelandet, teilt das Havariekommando Cuxhaven mit, das mit drei Mitarbeitern vor Ort ist und Kettenfahrzeuge, sogenannte Hägglunds, mit Anhängern auf dem weichen Sandboden einsetzt. Etwa eine Stunde nach der Flut geht es los, wenn sich das Wasser zurückzieht. Auch Unimogs, Mannschaftstransportwagen, Trecker und andere geländefähige Fahrzeuge sind auf der Insel im Einsatz.

Seit Freitag vergangener Woche haben alle mit angepackt beim Säubern der Strände. „Immer wenn es darauf ankommt, halten die Borkumer besonders zusammen“, lobt Bürgermeister Georg Lübben den umfangreichen ehrenamtlichen Einsatz und die Heimatverbundenheit. Das sei beeindruckend gewesen. Immerhin 36 Kilometer Strand hat die Insel zu bieten. Gut 90 Kubikmeter Material habe man bisher aufgesammelt und in extra am Strand bereitgestellte Container verfrachtet, schildert Lübben. Von dort wird das angelandete Gut zum Müll-Umschlagplatz der Insel gebracht. Alles sei hervorragend organisiert gewesen, so Lübben. Die Menge des Treibgutes habe in den vergangenen Tagen abgenommen. Doch wenn die Strömung sich ändere, könne das auch wieder anders aussehen, so der Leiter des Borkumer Ordnungsamtes Joachim Bakker.

Jede Menge Plastikteile, Parafine, rund 30 Flachbildfernseher, Fahrradschutzbleche, Kriegsspielzeug, Bettdecken, Schalensitze, Auto- und Fahrradreifen, Plastikblumen/-buchsbäume aber auch Pumpen von Seifenspendern sind am Strand bzw. an der Driftkante angespült worden. Darunter auch zwei leere Säcke, die einst Dibenzoylperoxid enthielten, das in der Kunststoffproduktion und zur Härtung von Harzen oder als Bleichmittel genutzt wird.

Die Säcke gehörten zu einem der bisher vermeldeten zwei Gefahrgutcontainer, die der „MSC Zoe“ auf ihrem Weg nach Bremerhaven in stürmischer See verloren gingen. Der andere soll Lithium-Ionen-Batterien enthalten. „Für unsere Gäste hat jedoch zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr bestanden“, betont Lübben. Man glaube auch nicht, das tatsächliches Gefahrengut noch antreibe, so der Bürgermeister.

In der Luft seien Hubschrauber und Aufklärungsflieger unterwegs, Schiffe mit Sonar suchen nach den Containern, berichtet Bakker.

Die Feuerwehr und Jugendfeuerwehr, Bauhof-Mitarbeiter, Stadtwerke, verschiedene Vereine, DRK und DLRG, Privatleute, aber auch viele Gäste beteiligten sich an der Aufräumaktion. „Wir hatten einen Aufruf über Facebook gestartet“, verrät Lübben. Mit großen Erfolg. „Viele Leute haben sich gemeldet.“ Bis zu 300 Helfer gingen zu Werke. Am Mittwoch waren rund 150 Siebt- bis Zehntklässler der Borkumer Inselschule an den Stränden im Einsatz. Seit Montag sind zudem zehn Mitarbeiter von Greenpeace zur Unterstützung vor Ort. Man arbeite zudem ganz eng mit den zuständigen Behörden zusammen.

„Plastik gehört nicht ins Meer und an den Strand“, betonen am Freitag Ulrike und Bernd Höning aus Weilrod im Taunus. Es ist ihr erster Besuch auf Borkum. Bei ihren Spaziergängen mit ihrem Hund sammelten sie immer wieder Treibgut am Strand auf. Dafür wurden extra Müllbehälter am Strand aufgestellt. Die Frachter-Havarie konnte sie nicht von einem Besuch auf Borkum abhalten.

Die großangelegte Bergung kommt jedoch nur sehr langsam in Gang. Zwei der drei niederländischen Bergungsschiffe konnten noch nicht zum Einsatzgebiet auslaufen, sagte ein Sprecher des Ministeriums für Infrastruktur und Wasserwirtschaft am Freitag in Den Haag. Technische Probleme und schlechtes Wetter erschwerten die Aktion. Ursprünglich sollten bereits am Freitag die ersten Container an der Ems-Mündung nahe der deutschen Grenze gehoben werden. Die meisten Container liegen auf dem Meeresboden nördlich der niederländischen Wattenmeer-Inseln auf der stark befahrenen Route des Frachtverkehrs, etwa 20 wurden rund 22 Kilometer vor Borkum geortet.

Die Kosten für die Insel Borkum hinsichtlich der Aufräumaktionen und allem, was damit zusammenhängt, könnten sich auf etwa 100 000 Euro belaufen, erklärt Bakker. Man wünsche sich nun eine schnelle Aufklärung des Vorfalls, betont Lübben.

Man werde die Strände weiter beobachten. Angedacht sei zudem, dass die Strandwärter in diesem Jahr zwei bis drei Monate früher anfangen als üblich, erläutert Bakker. Die Aufräumaktionen gehen weiter.

Sebastian Friedhoff
Redakteur
Newsdesk

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